Anzuzeigen sind ein monumentaler Gesprächsband und eine aus Archivmaterialen schöpfende Dissertation, die je auf ihre Weise zur wissenschaftshistorischen Aufar-beitung der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik beitragen. Dass der Gegen-stand einen solchen Aufwand verdient und auch in Zukunft Bemühungen der Wis-senschaftsgeschichtsforschung auf sich ziehen wird, steht außer Frage. Die 17 Kolloquien der Gruppe, abgehalten in den Jahren zwischen 1963 und 1994, und a fortiori die aus ihnen hervorgegangenen Forschungsbände – der erste, Nachahmung und Illusion, erschien 1964, der letzte, Kontingenz, 1998 – gehören zu den Spitzen-leistungen interdisziplinär arbeitender Geisteswissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ganz gleich welchen der Bände man zur Hand nimmt, in jedem trifft man auf belangvolle Fragestellungen, kapitale Beiträge und auf große Namen überdies: Namen inzwischen betagter bis hochbetagter oder bereits verstorbener Wissenschaftler, die man durchaus unter die Koryphäen ihrer jeweiligen Fächer und teil-weise sogar in die individuenarme Klasse derjenigen rechnen darf, deren theoretisch-methodologische, historiographische oder interpretative Errungenschaften über Disziplin-und Sprachgrenzen hinweg einflussreich wurden. Ohne zwischen den Kernmitgliedern der Gruppe, den intern scherzhaft (und just im Scherz elitenstolz) so genannten Archonten, und denjenigen Kooptierten zu unterscheiden, die aufgrund ihrer spezifischen Expertise zu einem oder mehreren der üblicherweise im Zweijah-resrhythmus abgehaltenen Kolloquien geladen wurden, seien hier einige dieser Namen genannt: M.H. Abrams, Aleida und Jan Assmann, Hans Belting, Hans Blumenberg, Karl Heinz Bohrer, Carl Dahlhaus, Arthur C. Danto, Shoshana Felman, Manfred Frank, Manfred Fuhrmann, Carlo Ginzburg, Algirdas Julien Greimas, Walter Haug, Dieter Henrich, Max Imdahl, Wolfgang Iser, Carol Jacobs, Hans Robert Jauß, Wolf-gang Kemp, Reinhart Koselleck, Siegfried Kracauer, Werner Krauss, Renate Lach-mann, Hermann Lübbe, Thomas Luckmann, Niklas Luhmann, Odo Marquard, Christian Meier, Wolfhart Pannenberg, Wolfgang Preisendanz, Richard Rorty, Robert Spaemann, Jean Starobinski, Karlheinz Stierle, Jurij Striedter, Peter Szondi, Jacob Taubes, Rainer Warning, Harald Weinrich, David Wellbery und René Wellek. Fürwahr ein illustres Who-is-Who, zu dessen wissenschaftsgeschichtlicher und wissenschaftssoziologischer Repräsentativität allerdings auch die eklatante Unterrepräsentation von Frauen gehört: Unter insgesamt 154 Beiträgern zählt man lediglich elf.
Dass sich dergleichen Mini-Statistiken – a) über die Jahre hinweg rekrutierte der innere Kreis der Gruppe 15 Beiträger aus dem angloamerikanischen Raum, hingegen nur 5 aus Frankreich und der französischen Schweiz; b) neben gesamthaft 79 Literaturwissenschaftlern (unter ihnen 9 Anglisten, 30 Germanisten, 8 Klassische Philologen, 5 Komparatisten, 20 Romanisten und 7 Slawisten) trugen 6 Linguisten und Semiotiker, 29 Philosophen, 4 Theologen, 7 Historiker, 8 Kunsthistoriker, ein Ägyptologe, 4 Musikologen, 2 Film-und Medienwissenschaftler, 6 Soziologen, 4 Rechts-wissenschaftler, 3 Psychologen und im Untersuchungszusammenhang des letzten Bandes auch ein Biophysiker zu Poetik und Hermeneutik bei – nunmehr ohne den Aufwand einer Durchmusterung der Inhaltsverzeichnisse aller 17 Bande erheben lassen, ist dem Anhang der von Petra Boden und Rüdiger Zill mit Kompetenz und Umsicht besorgten Interviewsammlung zu verdanken. Sie enthält eine von Viola Vollm zusammengestellte Gesamtbibliographie (547–608), die neben den band-und seitenweise nachgewiesenen Beiträgen der Beteiligten auch deren Fachzugehörigkeiten verzeichnet (hingegen leider nicht ihre Lebensdaten, was eine rasche übersicht über die Generationskohorten des Unternehmens und entsprechende Anteilsverhältnisse ermöglicht hätte). Hohen Gebrauchswert gewinnt der Anhang des Bandes zudem durch die erstmalige Veröffentlichung der noch erhaltenen Exposés der Kolloquien – es sind die der Bände II, III und V–XVII (463–546). Mal mehr, mal weniger elaboriert, umreißen sie die Gegenstandskomplexe, Problemzusammenhänge und Forschungsfragen, zu deren Erörterung die für das jeweilige Kolloquium verantwortlichen Gruppenmitglieder disziplinübergreifend einluden. Wer unter den Ausersehenen war, erhielt also nicht nur ein freundliches Schreiben, vielmehr ein thematisch und heuristisch orientierendes Briefing, dessen Hinweise aus der je eigenen Fach-und Forschungskompetenz aufzunehmen und fruchtbar zu machen waren.
Wie Boden und Zill in ihrer angenehm knappen, dabei vorbildlich informationsdichten Einleitung unterstreichen (7–17), ist damit zugleich das entscheidende Stück prozeduraler Klugheit bezeichnet, das die zum Zeitpunkt der Gründung der Gruppe in Gießen lehrenden Initiatoren, der Romanist Hans Robert Jauß (1921–1997), der Philosoph Hans Blumenberg (1920–1996) und der einige Jahre ältere Germanist Clemens Heselhaus (1912–2000) – nach den ersten drei Kolloquien trennte man sich von ihm 1966 im Streit um organisationspolitische Fragen –, dem Unternehmen dadurch einstifteten, dass sie anstelle des Allerweltsformats einer Abfolge von Vorträgen die weitaus arbeitsintensivere Form einer in der Regel fünf- bis sechstägigen Klausur zur Plenardiskussion vorab zu verfassender und vorab auch zu lesender Vorlagen verpflichtend machten.
Unter solchen Bedingungen – sie als die eines Peer Review-Verfahrens face-à-face zu beschreiben, wäre anachronistisch und gleichwohl nicht ohne charakterisierende Kraft – gibt man natürlich sein Bestes, und umso mehr, als es die Einladungs-politik der Gruppe auch weithin vermied, disziplinär definierte Monopolstellungen aufkommen zu lassen. Wer beisteuerte, hatte nicht nur mit fachfremden Perspektiven, vielmehr auch mit den Perspektiven und der Kritik von Fachgenossen zu rechnen. Und wie schon im Vorfeld, so war auch im Nachgang der Kolloquien allerhand zu tun: Neben der Redaktion (und nötigenfalls auch Ergänzung) der Vorlagen stand die Ausarbeitung der Beiträge zu ihrer Diskussion an, deren Protokolle in den Banden I–IV in je eigenen Abteilungen nachzulesen sind, und später dann, ab Band V, die Verschriftlichung der an die Stelle der Diskussionsprotokolle getretenen „Statements“, kürzerer Texte von zwei oder drei, bisweilen freilich auch zehn oder zwölf Druckseiten Umfang, die ihrerseits aus Repliken auf Vorlagen oder aus vor Ort im-provisierten Überlegungen zum Tagungsgegenstand hervorgingen.
Was so über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg zu Buche schlug, war mithin nicht zwischenfachlicher small talk, vielmehr eine streng disziplinierte Form disziplin-übergreifend dialogisierter und durch Dialogisierung vertiefter Wissensbildung. Entsprechend hoch ist in Poetik und Hermeneutik denn auch der Anteil an noch immer forschungsrelevanten und in diesem Sinne klassisch gewordenen Beiträgen oder Beitragskonstellationen: in den frühen Bänden zur Theorie und Formgeschichte des Romans im 18. Jahrhundert, zur Lyrik und Malerei der nachromantischen Moderne, zur Ästhetik der nicht mehr schönen Künste oder zur Geistes-und Literaturgeschichte der Mythenrezeption ebenso wie in den mittleren und späten Bänden, die unter Titeln wie Geschichte – Ereignis und Erzählung, Positionen der Negativität, Identität, Das Gespräch, Epochenschwelle und Epochenbewußtsein, Individualität, Das Fest und Das Ende geisteswissenschaftlichen Großthemen zugewandt sind, die über das literatur-wissenschaftlich – poetisch-hermeneutisch eben – und ästhetisch-kunstphilosophisch zentrierte Interdisziplinaritätsspektrum der Anfangszeit hinaus nach sozial-und kulturwissenschaftlicher, ebenso freilich nach anthropologischer, theologischer, lingui-stischer und geschichtstheoretischer Reflexion verlangten.
Klassizität aufgrund anhaltender Forschungsrelevanz ist die höchste Form der Geltung, die Resultate geisteswissenschaftlicher Arbeit erlangen können. Dass ein solcher Geltungsstatus nicht nur Monographien vorbehalten bleibt, sondern mit dem Formatvorteil der zügigeren Rezipierbarkeit von Aufsätzen auch von substantiellen Sammelwerken erlangt werden kann – eben dies hat die Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik wie kein anderes Kollektivunternehmen der jüngeren Vergangenheit unter Beweis gestellt. Es ist denn auch ganz unnötig und im Aspekt wissenschafts-historiographischer Triftigkeit kontraproduktiv, den Rang und die Wirkungsmacht ihrer zum Druck gelangten Ergebnisse durch abwegige Vergleiche in die Hohe zu schrauben. Auf dem rückseitigen Cover des Interviewbandes geschieht dies ärger-licherweise durch die Behauptung, dass die Forschungsgruppe und ihre Mitglieder „die geistes- und kulturwissenschaftliche Landschaft der alten Bundesrepublik“ geprägt hätten „wie vielleicht sonst nur noch die Kritische Theorie“. Dass dies Unsinn ist, lässt sich schon mit dem schlichten Mittel einer Google-Recherche demonstrieren: Bestenfalls mittelstarken 35.000 Treffern für „Poetik und Hermeneutik“ stehen über 500.000 Treffer für „Kritische Theorie“ gegenüber. Aber es geht insoweit auch gar nicht vorrangig um quantitativ messbare Impactunterschiede. Der offensichtlich gut, verkaufsfördernd nämlich gemeinte Vergleich verwischt vielmehr die durchaus wichtige Tatsache, dass es den Initiatoren und Protagonisten von Poetik und Hermeneutik um wissenschaftsintern innovationsträchtige Synergien, keineswegs aber um die Generierung eines auch oder sogar vorwiegend wissenschaftsextern brauchbaren Orientierungsvokabulars ging, dem entlang sich politisch relevante Identitäten hätten for-mieren und Aufsehen erregende Zeitdiagnosen formulieren lassen.
In den 17 Interviews des Bandes – sie wurden in der Zeit zwischen November 2013 und April 2016 aufgezeichnet und von den Interviewten vor Drucklegung redigiert – wird dies denn auch durchweg mit schöner Nüchternheit deutlich. Man erfährt überhaupt viel aus diesen Gesprächen, und es ist der besondere Reiz ihrer Sammlung, dass dies in der multiperspektivischen Brechung durch je persönliche Erinnerungen und Einschätzungen geschieht. Im Umgang mit den Auskünften der noch Lebenden unter den ehedem Beteiligten ist also Beziehungssinn gefordert und Sinn für Divergenzen, Ambivalenzen und subtile Schattierungsunterschiede allemal.
Da ist zum Beispiel das Thema der Arbeitsatmosphäre der Kolloquien: Die Romanisten Rainer Warning und Karlheinz Stierle, beide Jahrgang 1936 und als Jauß-SchUler von Anfang an dabei, erinnern sich harmonischer Gespräche, ja eines intellektuellen Festes unter Gleichen, getragen durch „eine Art Grundkonsens des Respekts oder dessen, was die Franzosen honnêteté nennen. Man wusste, dass jeder Einzelne sich in seiner Disziplin bereits bewährt hatte, und jeder war eine Stimme im Ganzen“ (33). Für Renate Lachmann hingegen, auch sie Jahrgang 1936, anders als Stierle und Warning jedoch erst seit Anfang der 1980er Jahre zunächst gastweise Gruppenmitglied und schließlich die einzige „Archontin“ des Kreises, herrscht die Erinnerung an „etwas Förmliches, Zeremonielles“ und zugleich Agonales vor: „Bis ich kapiert hatte, dass man sich gleich melden muss, damit man überhaupt drankam! Als ich beim ersten Mal dachte, dass jetzt die Diskussion anfange, hatten sich alle schon gemeldet! Und es war natürlich wichtig, in welcher Reihenfolge wer was zu sagen hatte und wie wichtig die Leute waren. Mir kamen alle ungemein wichtig vor, als ich zum ersten Mal dabei war. Mir schien, dass sie sich auch selbst recht wichtig nahmen; ja, sie haben sich durchaus als Elite empfunden. Auch Konkurrenz lag in der Luft“ (289). Freilich unterstreicht Lachmann auch die epistemische Produktivität dieses zum nochmaligen Durchleben von „Examensgefühle[n]“ Anlass gebenden Gesprächsklimas: „Man hat sich wahnsinnig angestrengt und war bemüht, ganz präzise zu formulieren“ (289f.).
Neben das Thema der Arbeitsatmosphäre tritt naturgemäß das der Persönlich-keiten, der Macher und Meister der Gruppe, und mit ihm das der gruppeninternen Allianzen oder Distanzen. über sie Bescheid zu wissen, ist freilich weit eher personen-und institutionen- als disziplin-und interdisziplinaritätsgeschichtlich interessant und hier schon aus Raumgründen nicht nachzuzeichnen. Immerhin, neben Erinnerungen an die Brillanz und die spezifischen Empfindlichkeiten Hans Blumenbergs – ausge-rechnet im Nachgang des 1974 abgehaltenen Kolloquiums über Das Komische nahm er ein keineswegs brachial vorlagenkritisches Statement des Romanisten und Linguisten Harald Weinrich zum Anlass seines endgültigen Ausstiegs aus der Gruppe –, und selbstverstandlich auch Erinnerungen an den mit Charme und Witz zur Unverwechselbarkeit stilisierten Skeptikergestus Odo Marquards, das Interdisziplinarität geradezu inkarnierende Diskussionsgenie Reinhart Kosellecks oder die im besten Sinne augenöffnenden Abendvorträge des eminenten Kunsthistorikers Max Imdahl ist in den Interviews immer wieder von Hans Robert Jauß als dem Motor der Gruppe die Rede. Wie schon erwähnt, war ihre Gründung 1963 in Gießen kein Ein-Mann-Unternehmen, unter baldiger Einbeziehung des Anglisten Wolfgang Iser, der seinerzeit in Köln lehrte, vielmehr eine auf weitere Ergänzungen zielende Ordinarien-Initiative; aber es war dann doch vor allen anderen Jauß, der nach den personellen und institutionellen Veränderungen der Folgezeit – Blumenberg wechselte nach Bochum, Jauß selbst und Iser nach Konstanz, wohin nahezu zeitgleich auch Wolfgang Preisendanz als Germanist und Manfred Fuhrmann als Altphilologe berufen wurden –, die verbindenden Fäden in der Hand behielt und mit Geschick weiterspann. In den Worten des Philosophen Dieter Henrich, der der Gruppe bis in die frühen achtziger Jahre angehörte: „Jauß war die eigentliche Zentralfigur; ohne Jauß hätte es auch keinen dauernden Zusammenhalt gegeben. […] Er hat durchaus auch immer leichte Pressionen ergehen lassen, um die Sache laufen zu lassen, aber immer freund-schaftlich. […] Ohne ihn wäre das Unternehmen kurzlebig geblieben“ (56).
Inzwischen gibt es in der deutschen Öffentlichkeit bekanntlich einen lautstark erorterten „Fall Jauß“, der sich, anstatt auf die akademische Tätigkeit des Romanisten und Forschungsorganisators, auf Jauß’ Kriegsvergangenheit als SS-Hauptsturmführer und in diesem Zusammenhang auf eine mögliche Beteiligung und wahrscheinliche Mitwisserschaft an Verbrechen bezieht. Und natürlich kommt dieser Fall auch in den von Boden und Zill geführten Gesprächen rekurrent zur Sprache. Im Interview mit Weinrich etwa führt seine Thematisierung zu der ebenso lakonischen wie unüberra-schenden Auskunft, dass Jauß’ SS-Vergangenheit „in den Kolloquien keine Rolle gespielt“ habe: „Von der SS war nicht die Rede. Alle wussten es, und er wusste, dass alle es wussten“ (148). Der damit in seiner Typik, der Nachkriegstypik des integrationspragmatischen Beschweigens inakzeptabler Biographie-Anteile ansonsten inte-grationsfahiger Belasteter, umrissene Usus der Vergangenheitsabwicklung ist indessen wiederum kein eigentlich wissenschaftsgeschichtliches, vielmehr ein personen-und institutionen-, vor allem freilich ein zeit-und moralgeschichtlich sprechendes Datum.
Spezifisch wissenschaftsgeschichtlich informativ sind die Interviews des Bandes hingegen dort, wo die Befragten über die intellektuellen Motive für die thematische Ausrichtung der Kolloquien oder über die Rolle sprechen, die Theorien für die Arbeit von Poetik und Hermeneutik spielten. Mit hoher Evidenz weist in diesem Zusammenhang wiederum Henrich für die Anfangsphase der Gruppe auf das Bedürfnis einer nachholenden Aneignung der literarischen und künstlerischen Moderne durch die während der NS-Zeit von ihrer Rezeption abgeschnittene Kriegsgeneration hin: „Als Thema war die Frage nach dem zentral, was ,die Moderne‘ ist und bedeutet“ (58). Eine prägnantere Beschreibung lässt sich kaum denken – wenn man nur mitbedenkt, dass es insoweit nicht um die Suche nach leicht zitierbaren Antwortformeln ging, in der historisch-hermeneutischem Durcharbeitung epochal repräsentativer Phänomene vielmehr um den Gewinn von Umsicht und erforderlichenfalls bis „nach Griechenland und Rom“ (29) zurückreichenden Tiefenperspektiven, in denen sich die geistigen und ästhetischen Manifestationen „der Moderne“ ohne präsentistische Verkürzung, differentiell eben und nach allen Maßstäben voraussetzungsbewusst beschreiben und erklären ließen. Dass dies nicht ohne den Einsatz unterscheidungstauglicher Begriffe gelingen konnte, versteht sich und es erklärt, weshalb nicht zuletzt historisch-semantische und näherhin begriffsgeschichtliche Erkundungen zu einem festen Bestandteil der Arbeit von Poetik und Hermeneutik wurden. Einer Theorie hingegen, die dies alles hätte überwölben und gar in irgendeinem Sinne explanatorisch vereinheitlichen können, hat man sich in der Forschungsgruppe zu keinem Zeitpunkt verschrieben. Welcher denn auch? Gadamers philosophische Hermeneutik, die philosophischen Anthropologien Plessners und Gehlens, der Prager Strukturalismus und seine französischen Weiterentwicklungen sowie später, in den 1980er und 1990er Jahren, auch Luhmanns Systemtheorie, Derridas Dekonstruktion und Foucaults Dis-kursarchäologie – sie wurden zwar rezipiert und selbstverständlich auch argumentationshalber aufgerufen, aber doch je und je dosiert, im Sinne eines erkenntnispragmatisch klugen Eklektizismus, wie er historisch und interpretativ arbeitenden Geisteswissenschaftlern auch unbedingt ansteht. Und vorteilhafterweise ist Poetik und Hermeneutik ebenfalls nicht zum verlängerten Arm der sogenannten Konstanzer Schule der Literaturtheorie, der Jauß’schen Rezeptions- oder der Iser’schen Wir-kungsästhetik nämlich, geworden. Wäre es anders, die Bände der Reihe wären schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens von weitaus geringerer Strahlkraft gewesen. Nicht das linientreue Fahren in mehr oder minder tiefen Theorierinnen, sondern ein aus Kenntnisreichtum, Urteilskraft und disziplinär gediegener Könnerschaft kritischer Pluralismus der methodischen und thematischen Orientierungen hat Poetik und Hermeneutik erfolgreich sein lassen – vor allem dies wird in den Interviews des Bandes auf facettenreiche Weise deutlich.
Wie es sich gehört, erinnern die Befragten freilich auch Defizite und Versäumnisse – Hermann Lübbe etwa das Versäumnis einer stärkeren Nutzung der Erkenntnismittel empirischer Sozialwissenschaften einerseits, analytischer Wissenschafts-theorie andererseits (175); und natürlich wird auch der im Wechsel der Generationen erfolgten Erschöpfung und endlichen Einstellung des Unternehmens gedacht, was zu der einen oder anderen Anekdote, auch Spitze, nicht aber zum Ausspinnen futiler Nostalgie Anlass gibt. Und die Frage „Was bleibt?“, mit der Boden und Zill ihre Interviews standardisiert beschließen, findet ihre beste Antwort in den vornehm bescheidenen und just insoweit punktgenau zutreffenden Auskünften des Althistorikers Christian Meier: „Was bleibt, sind eigentlich die Bände, in denen es sich niederge-schlagen hat. Verschiedene Aufsätze sind noch heute von Interesse, auch die Bände im Ganzen. Mehr kann, glaube ich, nicht bleiben. […] Ob die Arbeit der Gruppe die intellektuelle Landschaft der Bundesrepublik verändert hat, ist schwer zu sagen. Im Ganzen natürlich nicht, glaube ich. Aber daß sie in den Wissenschaften das eine oder andere in Bewegung gesetzt hat, würde ich schon sagen“ (228).
Wer sich für eine Großaufnahme der Anfänge des würdiger nicht zu erinnernden Langzeitunternehmens interessiert, wird in Julia Amslingers Monographie Eine neue Form von Akademie fündig, und zwar wiederum auf zwei Ebenen: Einem historiographischen ersten Teil (9–224) folgt ein in Archivstudien erarbeiteter Anhang (253–386), der thematisch einschlägige Briefe und hinzugehörige Materialien aus den Nachlässen von Jauß, Iser, Heselhaus, Koselleck, Kracauer, Taubes u.a. mitteilt, dazu – mit einigen nicht recht erklärlichen Auslassungen, die etwa Fuhrmann und Preisendanz, aber auch Striedter, den Konstanzer Slawisten und in Deutschland wichtigsten Vermittler des Formalismus betreffen – Kurzbiographien der in der Initial-und Kon-solidierungsphase der Gruppe herausragenden Figuren.
Amslingers Untersuchung konzentriert sich auf den Zeitraum bis 1968, und sie exemplifiziert ihrer Machart nach das, was man programmatisch als archival turn der Wissenschaftsgeschichtsforschung zu bezeichnen pflegt. Anstelle der (typischerweise gedruckt vorliegenden) Resultate vergangener Forschungsanstrengungen interessieren in der Perspektive dieses turns die „prozessuale[n] Praktiken“ (39) ihrer Genese. Und es sind Archivalien, Karteikarten nämlich und Zettelkästen, Arbeitsmappen, Akten-notizen, Anträge und Briefsendungen aller Art, die von solchen Praktiken Zeugnis ablegen sollen: „Gluckwunschbriefe, Sonderdrucke, Postkarten, administrative Durchschlage, Gutachten, Protokolle und noch viele Untergattungen mehr zirkulieren in atemberaubendem Ausmaß und Tempo“ (23). Methodisch werde daher „der Quel-lentypus des ,Überrests‘ in den Fokus gestellt, der nicht mehr fertiges Wissen prasentiert, sondern – wie es Christoph Hoffmann genannt hat – ,Wissen im Entwurf‘“ (38). Ein solcher Zugriff ist selbstverständlich der Erprobung wert, und er könnte vermutlich auch wissenschaftshistorisch ertragreich sein, wenn er denn auf nachvollziehbare Weise, methodisch eben, dazu führte, das schließlich entworfene Wissen komplexitätsadäquat zu beschreiben und in seinen disziplin- und interdisziplinaritätsgeschicht-lichen Zusammenhängen nach links und rechts transparent zu machen. Da eine auch nur annähernd einlässliche Beschäftigung mit den Gegenständen und Fragestellungen, den spezifischen Aufbauten und Inhalten der bis 1968 erschienenen Bände von Poetik und Hermeneutik in Amslingers Buch unterbleibt, stellt sich dieser Erkenntnisertrag jedoch nicht ein. Stattdessen sieht man sich in Kapiteln mit Überschriften wie „Orte des Anfangens“, „Schreiben und Lesen in Krieg und Nachkrieg“ oder „Dauerge-spräch“ über eine Vielzahl geschäftiger Aktionen und Interaktionen projektplanungs-und projektdurchführungstechnischer, aber auch berufungspolitischer Natur sowie über allerhand Biographica unterrichtet, die personen-und institutionengeschichtlich interessant sein mögen, deren Beziehung zur Sache selbst hingegen, der Sache der intellektuellen und argumentativen Substanz der in Nachahmung und Illusion, Immanente Ästhetik – Ästhetische Reflexion und Die nicht mehr schönen Künste vor inzwischen historisch gewordenen, also rekonstruktionsbedürftigen Forschungsständen versammelten Vorlagen und Diskussionen, opak bleibt: „Professoren tippten ihre Briefe meist in beliebiger Form, nach eigenem Gusto. Umso bemerkenswerter ist es, dass Jauß im Jahr 1955 [sic; richtig dürfte sein: 1965] Gefallen an Blumenbergs selbst gestaltetem Briefkopf fand und darum bat, dessen Vorlage übernehmen zu durfen. Gegenüber der Universitat Konstanz setzte er die Kostenübernahme für den Druck von eigenem Briefpapier und entsprechenden Briefkarten nach Blumenbergs Vorbild durch“ (137). Schwerwiegend fehlerhaft wird das archivgestützte Schwelgen in Wis-senschaftsalltagsspuren allerdings dadurch, dass Amslinger die von ihr betriebene „Depotenzierung von Resultaten“ (39) auf die Akteure selbst zurückprojiziert – so mit der Behauptung, „dass der Glaube an die Objektivierbarkeit von Forschungsergebnissen sicher nie der Ausgangspunkt für die Arbeit von Poetik und Hermeneutik“ gewesen sei (31). Wie sich die Paradoxie dieser Auskunft auch nur mit dem Untertitel der Reihe, der doch wohl unzweideutig objektivierungsstolzen Nominalphrase „Er-gebnisse einer Forschungsgruppe“ nämlich, zusammenreimen soll, ist unerfindlich.
So oder so: Der archival turn wird zur archival fallacy, wenn seine Funde und Befunde keine Kontrolle an der tatsächlichen Beschaffenheit der Endprodukte histo-risch-epistemologisch interessierender Wissensgenesen mehr finden. Für entspre-chende Verzerrungen liefert insbesondere Amslingers Darstellung von Hans Blumenbergs Rolle in der Frühgeschichte von Poetik und Hermeneutik ein bedenkliches Beispiel. Gewiss, Blumenberg war eine der zentralen Figuren jenes ersten Jahrfünfts, aber er war doch nicht der alle anderen Beiträger und Beiträge überstrahlende Leitstern des Unternehmens, zu dem ihn die Verfasserin im Banne ihres langjährigen Stuiums von Nachlässen stilisiert. In dem Blumenbergs ästhetisch-poetologischer Be-fassung mit Denkvorgaben Paul Valérys gewidmeten Kapitel „Valéry und die Vieldeutigkeit“ (173–210) führt diese Stilisierung gar zur Expression rückwärtsgewandter Wünsche: „Alle Fragen der Angemessenheit, im Rahmen von Poetik und Hermeneu-tik über moderne Kunst reden zu können, hätten sich an Blumenbergs Überlegungen zu Valéry ausrichten können. Entlang seiner Gedanken zur positiven Bestimmung moderner Kunst durch den Neueinsatz der Kategorien ,Vieldeutigkeit’ und ,Möglich-keit‘ wurden gruppenintern die Fragehorizonte nach den ersten beiden Kolloquien geöffnet und die Thematik des dritten Kolloquiums maßgeblich durch Blumenbergs Valéry-Lektüren angeregt“ (197). Dass dies eine Halbwahrheit und als Halbwahrheit historiographisch defizitär ist, weiß man, wenn man den Inhalt der Bände I–III und mithin den Reichtum, auch Spannungsreichtum, der dort unternommenen Interpretationen, Begriffsbildungen und Theorievorschläige zur Kenntnis genommen hat. In Band II etwa konkurriert Blumenbergs in der Vorlage „Sprachsituation und imma-nente Poetik“ fixierte und von den Teilnehmern des betreffenden Kolloquiums durch-aus kritisch diskutierte Vieldeutigkeitspoetik mit Dieter Henrichs Abhandlung „Kunst und Kunstphilosophie der Gegenwart (Überlegungen mit Rücksicht auf Hegel)“, einer gruppenintern wie -extern nicht minder einflussreich gewordenen Arbeit, die die Ka-tegorien der kunstwerkimmanenten Reflexion und des Formbruchs zu Angelpunkten einer den Hervorbringungen der Moderne gewachsenen Ästhetik erhebt. Wie sich beide Theorievorschläge zueinander verhalten und was sie positiv oder negativ, affirmativ oder kritisch mit dem kunstphilosophischen Diskurs ihrer Zeit, den Schriften Adornos, Gehlens oder Gadamers etwa, verbindet – eben darüber hätte eine Ge-schichte der Anfänge von Poetik und Hermeneutik Auskunft zu erteilen: in Gängen resultatorientierter Wissenschaftshistoriographie.






