Der Autor ist einer der einflussreichsten Philologen in der Germanistik. Das rührt wesentlich auch aus Königs Forschungen zur Geschichte der Germanistik, in der er unliebsame und lange verborgene Zusammenhänge zwischen literaturwissenschaftlichen Zeitgenossen und der NSDAP aufgedeckt hat wie bei Walter Jens, Hans Robert Jauß, Wilhelm Emrich, Arthur Henkel, Walter Höllerer, Peter Wapnewski u.a.
In seinem Buch über Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ und die „Dionysos-Dithyramben“ verspricht König, der Kooperation von „Philologie, Philosophie, Poesie“ in den Texten nachzugehen mit dem nicht geringen Ziel, die „Schaffensprinzipien, wie Nietzsche sie sah“, aufzuspüren und in seinem Buch selbst zu „aktivieren“ (16). Es gehe darum, „den Schaffensprozess zu wiederholen und damit das Werk zu verstehen.“ (Ebd.) Kein geringes hermeneutisches Anliegen, das über Gadamers Begriff der „Horizontverschmelzung“ (Wahrheit und Methode, Tübingen 41975: 288–90) hinausgeht, auch über das, was Friedrich Schlegel und Schleiermacher hermeneutisch intendierten, die König alle zitiert. Verspricht es doch eine ein-dringliche Rekapitulation des Schaffensprozesses des Autors im Lesen.
Erprobt wird das zunächst an Nietzsches Rede „Homer und die klassische Philologie“ von 1869. Das soll über die „Werkauffassung“ Nietzsches geleistet werden. „Das Neue seiner Auffassung liegt in seiner bestimmten Auffassung von Ganzheit.“ (20); „Ganzheit“ verstanden als eine „Kette von Einfällen, die in der Reflexion immer wieder von Neuem gebändigt werden.“ (Ebd.) Nietzsche selbst betont den „Gesammtblick“ Homers, mit dem er die Fülle der Bilder gebändigt habe. König: „In diesem Prozess folgen Produktion, Reflexion, Ordnung und Schein jeweils aufeinander.“ (21) Wirklich „aufeinander“? Muss nicht, wie Nietzsche selbst formuliert und König es auch zitiert, „das Ganze als [ … ] anschauliches Ganze[s] ihm vorgeschwebt haben“ (21)? Wenn das so ist, bleibt das Modell der Aufeinanderfolge dem Schaffensprozess und seiner Urintuition selbst äußerlich und additiv. Die Interpretation muss den Prozess des Schaffens in Teiloperationen zerlegen, weil sie an die Urintuition von Ganzheit im dichterischen Subjekt – hier auch noch mehrere Autoren, die unter dem Namen ‚Homer‘ zusammengefasst werden – gar nicht herankommt, nicht herankommen kann.
Die Interpretations-Praxis Königs am Zarathustra, die jene für ihn entscheidenden Kapitel auch sorgfältig spaltenweise neben Königs Kommentaren zitiert, versteht er selbst als eine „dreifache Vernunft“: „Entfesselung und Bindung [ … ] verstanden als Reflexion auf sprachliches Material“ – er nennt dies das „Philologische“ –, vorausgehenden „Kommentar“, der „neue Wege“ erfindet und eine totalisierende Form von „Kritik“ (38). Tatsächlich gelingt es König, in Nietzsches Bildern eine Abfolge zu erkennen, die er als einen Prozess der immanenten Reflexion – und dies eben als das „Philologische“ – deutet, das damit auch zur Hauptkategorie seiner Hermeneutik aufrückt. In einem grundsätzlichen Kapitel über „Performative Autoreflexion“ führt er das auch explizit aus: „implizite Autoreflexion“ bedinge den „notwendigen und sprachlichen Fortgang eines Textes selbst“ (56). Das geht einher mit der weitgehenden Verabschiedung der „philosophischen Gehalte“: Eine „freie philosophische Wahrheit, auf die der ‚Zarathustra‘ zielt“, gäbe es nicht (ebd.). „Alles ist in diesem Sinne die poetisch-philologische Oberfläche [ … ].“ (56) Konsequent deutet König dann Zarathustras Lehre als eine Form der „Selbstbezüglichkeit“, an der er zugleich selbst leide, sein „Sehnsuchtsparadox“ (57). Der Text in Königs Augen: Immanente Wortteleologie, die einer „Logik absoluter Selbstbezüglichkeit“ folge (62). So entsteht ein Reigen der „Selbstbezüglichkeiten“: „Liebe“ sei bei Zarathustra ein „Name für den dynamischen Modus der Selbstbezüglichkeit des Begehrens“ – man fühlt sich an den Schluss von Rilkes Malte Laurids Brigge erinnert (63) –, „Leben“ sei der „selbstbezüglichen Einsicht gleich“ (74).
Die immanente Wortteleologie erläutert König beispielsweise am Motiv „Wandern“ und aus dem Bild der „Wanderung“. „Ein Bild (die Wanderung) wird durch den Begriff (der Weg der Größe) analysiert, und aus dem Bildbegriff entsteht in möglicher, zweiter Autorschaft ein neues Bild (das Sich-selbst-Übersteigen), das Nietzsche als Wort ins Lexikon Zarathustras aufnimmt.“ (87) Als wenn Nietzsche an einem additiven „Lexikon“ arbeiten würde und, zweitens, nicht auch aus „Wanderung“ – die Wanderung in der Ebene entspringen könnte wie in Bertolt Brechts „Mühen der Ebenen“ (im Gedicht „Wahrnehmung“). Außerdem ist, drittens, „Wanderung“ auch ein Merkmal der absoluten Heimatlosigkeit des Protagonisten, wie besonders Teil IV des Zarathustra offenlegt. Rein wortteleologisch ist das nicht herzuleiten.
Königs Verfahren ist sensibel für immanente Sprachbewegungen, aber es zieht Nietzsche zugleich alle inhaltlichen Zähne. Immer wieder betont er, dass ein Bild „nicht als philosophische Lehre“ gemeint sei, sondern als „Reflexion auf sprachliches Material“ (38). „Die erzählerische Vermitteltheit“ entspräche der „Begriffslosigkeit [ … ], dem Zurücktreten, ja, Verschwinden des Gedankens angesichts der Vision“ (89). Die Pointe des Textes sei „nicht eine philosophische Idee“, sondern die „gedankliche Energie [ … ] innerhalb des Materials“ (98). Die „Tugenden“, die Zarathustra einerseits zerstört, andererseits lehrt, seien keine „moralischen Gehalte“ (40). Alles „Doktrinäre“ werde „aufgelöst“ (84). Der Nietzsche-Text sei im Wesentlichen „selbstbezüglich“, „sprachimmanent“ zu lesen und dies sei Nietzsches „Kreativität“. König deutet ihn wie den Zeitgenossen und Sprachmagier Stéphane Mallarmé und dessen „absolute Poesie“.
Es ist übrigens ein eigenwilliger Begriff von Philologie, den König da an die Leser_innen mit seinem Immanentismus heranträgt. Er hat Recht, wenn er darauf abhebt, dass Nietzsche alles ‚totalisiere‘ (21, 27). Das bedingt seine spätere wie in Stein gehauene, aphoristisch-apodiktische Sprechweise, die auch Peter Pütz im Nachwort zu seiner Zarathustra-Ausgabe hervorgehoben hat (Leipzig 1991 – nicht 1891 wie bei König). Nietzsche kann aber auch ganz anders: In seinen Vorlesungen, so der Vorlesung zur „Vorplatonischen Philosophie“, zitiert er akribisch und quellennah wie ein klassischer Philologe alle ihm greifbaren Quellen und Zitate und bindet seine eigene Interpretation daran (KGW [Werke. Kritische Gesamtausgabe, hg. Colli/Montinari, Berlin/New York 1968ff.] II, 4). Genau das Verfahren hat er seiner Homer-Rede aufgegeben. Er behandelt Homer wie eine Gestalt des Geistes, die ein mythopoetisches Werk geschaffen und damit den Griechen ihre Götterwelt gegeben habe. ‚Uns Philologen‘ würde es natürlich auch interessieren, woher eigentlich das Motiv „Also sprach Zarathustra“ stammt, das im Titel und unter jedem Kapitel steht. Es ist eine Wendung des indischen Sanskrit, die Nietzsche festgehalten hat und die lautet „Iti vuttakam“ („Also sprach der Heilige“). Gerhard Naumann hat das in seinem Zarathustra-Commentar (4 Bde., Leipzig 1899ff.) herausgefunden (Bd. I, 24). König kennt diesen Kommentar offenbar nicht, nennt ihn jedenfalls nicht in seiner Bibliographie.
Mit der philologischen Praxis von König fällt eine Menge hinten herunter, mit der sich frühere Interpretationen herumgeschlagen haben: Die Lehre vom „Tod Gottes“, die Zarathustra mit einer verbissenen Insistenz immer und immer erneut wiederholt, seine Bitte „Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder“ (KSA [Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. Colli/Montinari, München 1988] IV, 99), die gesamte Tugendlehre Zarathustras, die eine Umkehrung des Neuen Testaments und seiner karitativen Botschaften ist („Hart“ sein, den „Krieg“ befürworten, das „Mitleid“ verdammen, so auch das „Kniebeugen“ und „Herr-Sagen“). Der gesamte Text könnte philologisch gelesen werden als eine Kontrafaktur zum Alten und auch Neuen Testament (NT). Er ist mehr als nur „Parodie“ des NT, wie König meint (40). Das NT ist das Gebirge, gegen das Zarathustra immer und immer wieder in den Köpfen der Menschen anrennt. Von daher bekommt er den Stoff, der seine Anti-Reden füttert. Christus: Religionsschöpfer – Zarathustra: Gott ist tot; Christus: Liebe deinen Nächsten – Zarathustra: Liebe deinen „Fernsten“; Gutsein – Böse sein; Mitleid – Hartsein usw. „Ja, ich bin Zarathustra der Gott-Lose!“ (KSA IV, 215), definiert er sich selbst. Auf Jesus kommt er ja selbst zu sprechen: „Wahrlich zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen Todes ehren [ … ] der Hebräer Jesus [ … ] Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt und das Lachen dazu!“ (KSA IV, 95). Es ist eine Pointe der Weltgeschichte, dass das christliche Mittelalter dem Lachen fast den Garaus gemacht hat. Im so genannten Lentulus-Brief, einem bruchstückhaft erhaltenen apokryphen Evangelium, wird der Nachweis geführt, dass Jesus entsprechend dem Zeugnis des NT Zeit seines irdischen Lebens nicht ein einziges Mal gelacht habe. Nach Clemens von Alexandria beschmutzt das Lachen „das kostbarste aller Güter, die dem Menschen innewohnen“ (zit. in Le Goff: Das Lachen im Mittelalter, Stuttgart 2004: 47f.) und würde so das Wort Gottes durch Gelächter erniedrigen. Das Christentum hat seinen Gläubigen Jahrhunderte lang die Heiterkeit schon mächtig ausgetrieben.
Zarathustras Lehre: Das ist eine dauernde und kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem NT und zweitausend Jahren Christentum. Bei König: Fast inexistent. Gewiss, Emerson und Goethe, die König heranzieht, sind auch Nietzsches Ideengeber, aber bei weitem nicht von der Bedeutung wie die ‚Heilige Schrift‘ und ihre Wirkungsgeschichte. Fast verschämt nennt König einmal am Ende eines Kapitels die Quelle: „Das ist alles religionsgeschichtliches bzw. biblisches Material, von der Genesis bis zur Offenbarung [ … ]“ (123). Aber genau diese Transformationen von … bis … analysiert der Text nicht. Die Theologie kommt bei König gar nicht vor, und eben die Philosophie auch nur als Fahne am Rand. Die hermeneutische Idee und ihre Praxis sind die Autoreflexion und deren Spuren.
Worauf läuft das bei König hinaus? Auf die Dichterexistenz Zarathustras und zwar: Dichtung als l’art pour l’art. Man kann König danken, dass er uns so von manchem inhaltlichen Satz Nietzsches befreit: „Gehst du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht.“ – das steht zwar in jedem Zitatenbuch, aber man hört es nicht nur mit feministischen Ohren nicht mehr gerne. Aber was bleibt von einem Nietzsche, wenn dessen Worte von ihren philosophischen Gehalten abgetrennt werden, diese aber wie abgeköpft daneben liegen? Ein Nietzsche der Worte, aber ohne Gedanken? Bestenfalls bleibt uns so ein ästhetischer Nietzsche, der für König auch in den Dithyramben des Dionysios gipfelt. Das ist nicht wenig und gibt Blicke frei auf die kreative Praxis-Werkstatt dieses Sprachmagiers. Aber: Auch die Dichtungen Nietzsches sind nicht inhaltsleer, sondern sprechen vom „Jäger noch Gottes, dem Fangnetz aller Tugend“, „vom Folterer / du Henker-Gott“, „Ewigkeit“.
Nietzsche im 21. Jahrhundert: Er zwingt wahrscheinlich die Leser_innen, eine Auswahl zu treffen zwischen großartigen Einsichten, die es immer noch sind. Noch einmal: „Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder“ (KSA IV, 99) – „wir haben nur eine“, können wir hinzufügen. Seine Leib-Lehre: „Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne“ (KSA IV, 39), weg mit der Missachtung des Körpers und des Körperlichen, an der die gegenwärtigen Kirchen kranken. Überhaupt: Nietzsches Religionskritik und die an den Priestern als den falschen Propheten erhält immer neue Aktualität. Grandios ist der Satz: „Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es Erbe zu sein.“ (KSA IV, 100), der als ein Menetekel über der ganzen technisch-industriellen Zivilisation zu schweben scheint. Auch die Kritik an der Verflachung von Menschen ist im Zeitalter der Massenmedien nicht unangebracht. Nietzsche hatte den Gedanken des „Übermenschen“, dem auch weiland Novalis nachspürte, der einmal schrieb: „eh die Zeit der Gleichheit kommt, brauchen wir noch übernatürliche Kräfte“, ihn interessiere jetzt jeder „übergewöhnliche Mensch“ (Novalis: Schriften, Bd. IV, Darmstadt 1975: 140). Nietzsches Zarathustra wütet gegen die „Gleichheit“ und ersehnt den „Übermenschen“, über den in der Geschichte allerdings viel Unsinn schwadroniert wurde. Nietzsche ist ein „Powerhouse of Ideas“, der ganze Generationen mit Ideen befüttert hat. Treiben wir ihm diese nicht aus, sondern nehmen sie an, wie er sie ausgespieen hat, aber gehen sorgfältig mit ihnen um.






