Als „Weimar in Princeton“ präsentiert der renommierte Kafka-Forscher Stanley Corngold ein bisher unterbewertetes Vorspiel zu dem „Weimar am Pazifik“, dem deutschen Exilleben in Los Angeles, das durch die wegweisende Gesamtdarstellung des UCLA-Germanisten Ehrhard Bahr (Weimar on the Pacific, Berkeley 2008) Sprichwörtlichkeit erlangt hat. Corngold lehrte von 1966 bis 2009 an dem außergewöhnlichen Ort, über den er hier schreibt. Der im Untertitel angesprochene Kahler-Kreis bestand bis zum Tod des Namensgebers, des Kulturphilosophen Erich (von) Kahler 1970. Kahlers Princetoner Lebensgefährtin und zweite Ehefrau Alice Loewy lebte bis 1992 und kommt in einem Appendix („Lili Kahler Remembers“) mit ihren Erinnerungen an die Konstellation Kahler, Mann, Broch, Einstein zu Wort. Weimar in Princeton ist ein repräsentationsbewusstes, hoch engagiertes und von feinem Witz beflügeltes Buch, das die Leser_innen auf angenehmste Weise über einen ideellen Campus führt.
Hans Rudolf Vaget (Thomas Mann, der Amerikaner, Frankfurt a. M. 2011, 267–89) hat bereits keinen Zweifel daran gelassen, dass der geschützte Mikrokosmos von Princeton ideale Voraussetzungen für Manns Akkulturation in den USA bot. Das Leben in der Dutch-Colonial-Villa in der Stockton Street 65 mit den häufigen, von Corngold lebhaft vergegenwärtigten Lesungen und Gesprächen am Kamin, unterschied sich äußerlich nur wenig von Manns sorgfältiger Lebenseinrichtung in München und Zürich. Vaget hat allerdings ebenso herausgestellt, dass Mann die kleine Universitätsstadt von Beginn an nur als eine Zwischenstation auf dem Weg nach Los Angeles betrachtete. Der Nachdruck, mit dem der angehende „Lecturer in the Humanities“ seinen Zürcher Exilfreund, den aus Prag stammenden, bis 1933 in Wolfratshausen bei München niedergelassenen Privatgelehrten Kahler im Herbst 1938 nach Princeton lotste, entsprang auch der Bangigkeit, mit den Hochschullehrern allein zu sein. Corngold spart sich den Hinweis auf das vielzitierte Bekenntnis Manns vom Mai 1938: „[I]ch fürchte mich etwas vor der Gelehrten-Atmosphäre, und das Movie-Gesindel in Hollywood ist mir im Grunde lieber“ (Briefe 1948–1955 und Nachlese, Frankfurt a. M. 1965, 474).
Das Buch umfasst sechs Kapitel: „Thomas Mann in Princeton“, „Erich von Kahler: Mann’s Great Friend“, „Hermann Broch in Princeton“, „Goethe and the Circle“, „Mann and Einstein“ und schließlich „Did Einstein Read Kafka’s Castle on Mann’s Recommendation?“. Sie entfalten die These, dass die Geschichte des Kahler-Kreises mit einer Konstellation beginnt, in der „the values of art, friendship, perception, and science were represented and indeed realized to a degree that may not ever have been achieved before and after within a circle of four friends“: „Kahler is the neighbor par excellence, ‚seeking community‘; Broch, the psychologist (of mass pathology) ‚seeking perception‘; and Einstein, the scientist—let it be said—,seeking truth‘“ (viii). Hintergrund ist mithin weniger der Abschluss von Lotte in Weimar in Princeton und die Entstehung von Joseph der Ernährer, sondern Manns umfangreiche publizistische Produktion zwischen September 1938 und März 1941, die vom politisch-historischen Denken der „Princeton humanists“ (73) am meisten zu profitieren hatte.
Die Kapitelfolge spiegelt Stufen abnehmender Intensität der „cross-connections“ (5) zwischen Mann und seinen Gesprächspartnern wider. An oberster Stelle steht Kahler, mit dem Mann einen Großteil seines weltanschaulichen Ordnungsbedarfs deckte, besonders nach der „Verwirrung der moralischen Fronten“ (Mann zit. nach Corngold 19) durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Im Mittelpunkt ihrer Gespräche, die Corngold chronologisch nach Manns Tagebüchern rekonstruiert, standen die Ursachen für den Aufstieg Hitlers, die Bedingungen der Niederwerfung des Regimes und die Frage nach der Zukunft Deutschlands, die bereits eng mit dem Projekt der Vereinigten Staaten von Europa verknüpft wurde. Mit Kahler, dessen Vorstellungen von einem elitengeleiteten, durch Katastrophen nur geförderten Menschheitsfortschritt in Büchern wie Man the Measure (1943) nachzulesen sind, beriet sich Mann unter anderem über seine Vorträge und Essays „This Peace“, „The Problem of Freedom“ und „This War“. An den zum Teil drastischen Meinungen des Freundes schärfte Mann seinen politischen Verstand. An Kahlers warmherziger Persönlichkeit nahm er sich, der so lange als ‚kalt‘ gegolten hatte, ein Beispiel. Ein nicht minder wichtiges Fazit dieses Kapitels lautet: „Kahler was crucial to Mann’s maintaining his prized ‚Germanness‘—the feeling of being a representative of the German language at its national height“ (53). Die ‚Psychologie des Deutschtums‘, die Mann in Doktor Faustus (1947) entwarf, geht bekanntlich in einigen entscheidenden Zügen auf Kahlers Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas (1937) zurück.
Als Manns „intellectual confidant“ (65) wird darauf Broch eingeführt. Das Kapitel, das sich vor allem auf Manns Tagebücher und Brochs Briefe stützt, kann auf umfangreiche Vorarbeiten von Paul Michael Lützeler zu dieser Exilfreundschaft aufbauen. Corngolds Verständnis von Broch als Philosoph und von Tod des Vergil (1945) nicht als Roman, sondern als philosophisches Pendant zu einem solchen schließt unter anderem an Kahlers Die Philosophie von Hermann Broch (1962) an. Einstein kommt hier ins Spiel, weil Broch die Mathematik als eines der „großen rationalen Verständigungsmittel der Moderne“ bezeichnet hatte (zit. nach Corngold 68) und dem philosophischen Physiker das Affidavit für die Einreise in die USA verdankte. „[E]r ist ja doch das großartigste menschliche Wesen, dem ich je begegnet bin“, so Broch über Einstein (70), während er Mann attestierte, ein „Schlußfeuerwerk“ der Romanform abzubrennen (71). Mann und Broch waren selten einer Meinung, etwa beim Thema der sozio-kulturellen Bedeutung der Literatur, erfuhren ihre Differenzen aber als Anregung, so lautet eines der Ergebnisse dieses Kapitels (vgl. 83).
„Differenzen“ ist das Stichwort für den Auftritt Goethes als virtuelles, konsensstiftendes Mitglied des Kahler-Kreises: als Zeitgenosse, dessen Erbe erst jetzt, hundert Jahre nach seinem Tod, angetreten werden konnte. Nacheinander behandelt Corngold die Goethe-Referenzen von Einstein, Broch, Kahler und Mann, die sich insbesondere um die Einheit des Wissens, das Leben als Kunstwerk und die Repräsentation deutscher Kultur drehen.
Dass Mann und Einstein Freunde, gar enge Freunde, gewesen seien, wagte bisher kaum jemand in Frage zu stellen. In seinem Nachruf auf Einstein sprach Mann 1955 von einer Bekanntschaft, die in Princeton zur Freundschaft gereift sei. Einstein beglückwünschte Mann im April 1933 zu seiner moralischen Stärke und zeichnete ihn 1939 in Princeton mit der Einstein-Medaille für humanitäre Verdienste aus. Corngold zeigt nun auf, dass es nur wenige und weit auseinanderliegende Treffen zwischen diesen Hauptrepräsentanten des ‚anderen Deutschlands‘ gab. Dabei erscheinen die beiden nachweisbaren Besuche Manns bei Einstein als „somewhat hesitant and awkward“ (127). Zudem zeichnen sich gewisse Antipathien ab, die in Charakter- und Habitusunterschieden begründet liegen mögen: „Mann’s and Einstein’s tastes were situated as far apart as Lübeck and Ulm“ (ebd.).
Eine Verlängerung des vorangehenden Kapitels und zugleich ein Gegenstück zum Goethe-Kapitel sind die abschließenden Betrachtungen zu Kafka als möglicherweise trennendem Element zwischen Mann und Einstein. Im Hintergrund steht die Anekdote, nach der Mann seinem Nachbarn in der Mercer Street 112 Das Schloß zur Lektüre vorbeigebracht, Einstein das Buch aber kurz darauf mit Schauder zurückgegeben habe. Sie könnte sowohl für Manns ‚Schulmeisterei‘ als auch für Einsteins Lesegeschmack charakteristisch sein, vor allem aber illustriert sie noch einmal, dass die „alleged intimacy between Einstein and Mann in Princeton“ (149) historisches Wunschdenken ist. Wie Goethes Wanderjahre mit „Ist fortzusetzen“ enden, so klingt Corngolds Buch mit dem Ruf nach künftigen Fortsetzer_innen einer Geschichte des Kahler-Kreises aus: „I welcome my completers across the years“ (153).
Weimar in Princeton richtet sich an ein Publikum mit Interesse am „public intellectual“, am politischen Denken um 1940 sowie an den Faktoren und Dynamiken von Kreis- und Netzwerkbildungen. Zusammen mit Corngolds parallel erschienenem Buch The Mind in Exile. Thomas Mann in Princeton (Princeton 2022), in dem die einzelnen Texte Manns aus dieser Exilphase analysiert werden, bietet Weimar in Princeton ein neues, unersetzliches Standardwerk zu Thomas Manns intellektueller Biografie und einen wesentlichen Beitrag zur transatlantischen Literaturgeschichte.






