Szenen des Lesens. Schauplätze einer gesellschaftlichen Selbstverständigung. Von Julika Griem. Bielefeld: transcript, 2021. 126 Seiten. €15,00 broschiert, €12,99 eBook., Lesen im digitalen Zeitalter. Von Gerhard Lauer. Darmstadt: wbg Academic, 2020. 264 Seiten. €25,00 gebunden, open access eBook.

Sabine Gross
Szenen des Lesens. Schauplätze einer gesellschaftlichen Selbstverständigung. Von Julika Griem. Bielefeld: transcript, 2021. 126 Seiten. €15,00 broschiert, €12,99 eBook.
Lesen im digitalen Zeitalter. Von Gerhard Lauer. Darmstadt: wbg Academic, 2020. 264 Seiten. €25,00 gebunden, open access eBook.

Im Zuge der vielfältigen medialen wie gesellschaftlichen Ausfächerungen, die das Lesen vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten erfahren hat, ist der Leseprozess auf neue Weise in den Brennpunkt des Interesses gerückt. Gerhard Lauers Band eröffnet die Reihe „Geisteswissenschaften im digitalen Zeitalter“; Julika Griems Szenen des Lesens ist der dritte Band der Serie „Wie wir lesen. Zur Geschichte, Praxis und Zukunft einer Kulturtechnik.“ Beide Autor_innen haben Rang und Namen: Julika Griem ist seit 2016 Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Gerhard Lauer folgte 2021 – von einer Professur für Digital Humanities in Basel – einem Ruf auf eine Professur für Buchwissenschaft an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Lauers Band ist als gedrucktes Buch mit print-on-demand-Ästhetik betont schlicht gehalten, ohne lebende Kolumne zur Binnenorientierung, dabei aber augenfreundlich durch das klare Schriftbild (sowie mit einem Lesebändchen versehen). Die Form lässt sich als Verweis auf die Priorität des digitalen Formats verstehen, in dem der Band durch open access zugänglich ist. Griems Band ist deutlich schicker gestaltet: Cover-Illustration, ein elegantes Format (im Vergleich mit dem Standardformat ein wenig schmaler und länger), klar gegliederte und abwechslungsreich gesetzte Druckseiten, wobei allerdings die Wahl eines kleinen Schriftgrads und schmal laufender Type die Augen ermüdet.

Beide Autor_innen sind bildungspolitisch versiert, haben den Finger am Puls der Zeit und beziehen sich auf öffentlichkeitswirksame Bestseller der letzten Jahre. Bei Lauer sind das beispielsweise George R.R. Martin, Donna Tart, E L James und Rupi Kaur. Griem führt unter anderen Elena Ferrante, Cornelia Funke, Karl Ove Knausgård, Annie Ernaux und Hanya Yanagihara an. Für beide ist John Greens Erfolg Aufmerksamkeit wert (Griem bezeichnet The Fault in Our Stars als „[e]ine Benchmark innerhalb der Crossover-Literatur“, 85; Lauer bezieht Greens Rolle als „Internetstar“ mit ein, 163). Griem ist vertraut mit den Tendenzen und Kräften, die den literarischen Markt bewegen. Für beide (bei Lauer ganz explizit, bei Griem implizit) stellt die Lesekultur eine bürgerliche Erscheinung dar, wobei Lauer allerdings im Gegensatz zu Griem wesentlich sensibler für Klassenstrukturen und die Rolle von Privilegien/Ausgrenzungen ist, die er wiederholt thematisiert; beide widmen neuen (und älteren) Formen des kollektiven Lesens und der Ausdehnung der Lese-Öffentlichkeit in und durch das Internet intelligente Aufmerksamkeit; beide betonen die Wichtigkeit lesepädagogischer Initiativen. Es ist kaum überraschend, dass sich selbst bis in die Verästelungen des Themas Überschneidungen finden: Bei Lauer wie Griem wird die historische Lesesucht-Kritik erwähnt (bei Lauer ausführlicher vor allem in seinem zweiten Kapitel), bei beiden erscheint der klassische Topos vom „Buch als Freund“ (Griem 39–40; Lauer 27–29), bei Lauer wesentlich stärker historisch unterfüttert als bei Griem, obwohl auch Griem sich auf die Tradition bezieht. Griems Aussage „wie wenig wir über das Lesen als soziale Praxis wissen“ (7) lässt sich relativ schnell widerlegen durch einen Blick in den Band Lesen. Ein interdisziplinäres Handbuch (hg. Rautenberg/Schneider, Berlin/Boston 2015), ja sogar in den von Alexander Honold und Rolf Parr herausgegebenen Band Grundthemen der Literaturwissenschaft. Lesen (Berlin/Boston 2018); beide Bände werden von Griem im Schlusskapitel en passant in einer Anmerkung empfohlen (126). Hier ist Lauers Einschätzung zuzustimmen: „Wie das Lesen heute gelebt wird, ist einigermaßen gut erforscht, nur ist diese Forschung wenig bekannt und sehr verstreut publiziert.“ (39)

Lauers Band beeindruckt durch seine Breite, die schiere Menge der eingearbeiteten und referierten Forschung und statistischen Informationen, die Kombination von Aktualität und historischer Perspektive sowie die Souveränität, mit der er immer wieder gängige (Vor-)Urteile zum Lesen in der digitalen Gesellschaft revidiert. Beide Autor_innen bieten über weite Strecken eher Diagnose als Analyse; beide beziehen sich auf neue und neueste Primärwie Sekundärliteratur; dabei ist Griems Essay deutlich enger gefasst. Griem selbst bezieht sich wiederholt auf eigene Blogs – in solchen aus ihren Blogs adaptierten Passagen ist ihr Sprachduktus dann eher plaudernd-einladend, zum Beispiel bei ihrem Lesetagebuch „Selbstversuch mit Maigret“ (22–29). (Gelegentlich geht es etwas zu informell zu, so wenn Nicolas Pethes im Text und bibliographisch als „Nico Pethes“ erscheint; 15, 116.) Andere Abschnitte ihres Buchs ermüden allerdings durch Jargonhaftigkeit und Fremdwortlastigkeit, und generell fallen gehäufte unpersönlich-präskriptive Formulierungen unter Verwendung von „müssen“ und „sollen“ oder „es gilt“ auf. Griem liegt daran, sich von gängigen Positionen zum Lesen abzusetzen, wenn auch ihr Band nicht unbedingt ihren hohen Anspruch erfüllt, nach „Formen der Beobachtung und Beschreibung [zu] suchen, die sich nicht eilfertig auf die altbekannten Topoi bildungsbürgerlicher bzw. disruptiver Kulturkritik oder die Traditionsbestände literaturwissenschaftlich beglaubigter Vorstellungen angemessenen Lesens verlassen.“ (13–14) Was Griem als „wissenschaftspolitisch interessierte[ ] Kulturwissenschaftlerin“ (113) untersuchen möchte: „Leseumgebungen und Leseatmosphären, die wiederum als Leseökonomien und Leseökologien zusammen zu denken sind“ und über die sich „Praktiken und Diskurse in komplexer Weise verschränk[en]“ (11). Dazu gehören für sie Lese-Ratgeber und Lese- als Lebenshilfe (41–48, passim); als kollektives Lesemodell die Aktion „Eine Uni – ein Buch“ (29–38), deren Video-Bewerbungen sie sichtet; öffentliche Leseszenen und die Lesefestival-Kultur (69–78); digitale Lesedienste, die Kurzfassungen von Texten als Zeitmanagement anbieten und deren vorgebliche und tatsächliche Standards Griem kritisch sichtet (59–69). In Griems Unterkapitel zu Leseszenen (48–55) vor allem „in der bildenden Kunst und Fotografie“ (50) hätte man sich zusätzlich zu den Hinweisen auf Fotobände – die ihrer Orientierung auf die Gegenwart entsprechen – einen Hinweis auf die reiche Tradition von Lesebildern in der Malerei vorstellen können, nicht zuletzt auf die umfassende Studie von Garrett Stewart zu dieser Tradition (The Look of Reading: Book, Painting, Text, Chicago 2006, 411 S.). Im letzten von insgesamt sechs Kapiteln rückt Griem wiederum bildungspolitische Aspekte in den Vordergrund und bietet kurrikulare Vorschläge zum universitären Einbezug von Reflexion über und Ausbildung von Lesekompetenz (hier, wie auch schon als Auftakt ihres Bandes, erwähnt sie Lauers Buch lobend: 11, 103).

Griem hat eine ansprechende, zeitgeistgemäße Studie vorgelegt. Der Bogen, den sie spannt, ist breit, wenn auch nicht immer gleichermaßen tragfähig; die Anmerkungen erstrecken sich von „der Praxis und Bedeutung Oprah Winfreys“ (Anm. 88, S. 121) bis zu den Vorleser_innen in kubanischen Zigarettenfabriken (Anm. 93, S. 121). Konzipiert hat sie ihren Band – trotz der gelegentlichen terminologischen Überfrachtung – für ein allgemeingebildetes Publikum, nicht für Fach-Expert_innen. Auch Lauer hat sich Zugänglichkeit zum Ziel gesetzt: Er formuliert und präsentiert in seinem Buch sein profundes Expertenwissen konsequent allgemeinverständlich. Lauer schreibt lebhaft, ansprechend, stilistisch abwechslungsreich, dabei meist konzise. Allerdings gibt es zahlreiche Wiederholungen, die zwar die hauptsächliche Argumentationslinie im Blick halten, aber doch durch ein aufmerksames Lektorat hätten reduziert werden können, ebenso die zahlreichen Druckfehler und kleinen syntaktischen Fehler, oft auf fast jeder Seite. Das nimmt dem Band aber nichts von seiner Brisanz und Aussagekraft. Lauer erreicht das durch eine Kombination von literaturwissenschaftlichem und kulturhistorischem Wissen mit einer bemerkenswerten Fülle von Daten und statistischen Informationen, die geisteswissenschaftliche Leser_innen vermutlich als unüblich empfinden werden. Im Gegensatz zu Griem, deren Band im wesentlichen eine schnell gestrickte, informationsreiche Materialsammlung und selektive Bestandsaufnahme aktueller Trends bietet, ist Lauers Darstellung komplexer und differenzierter, mit einer wesentlich ausgeprägteren Zukunftsperspektive, auch wenn Lauer deren Ungewissheit bereitwillig einräumt.

Lauers Hauptthese, die er in acht Kapiteln darstellt: Die in den letzten zwei Jahrzehnten so verbreiteten Diagnosen und Voraussagen zum Tod des Buchs und des Lesens im digitalen Zeitalter sind nicht nur übertrieben, sondern falsch. Im Gegenteil biete die Digitalisierung weitaus mehr Möglichkeiten des Lesens, der Autor_innen-Leser_innen-Beziehungen, des Engagements mit Texten und mit anderen Leser_innen. Er belegt diese Position aus immer neuen Perspektiven und entwickelt zahlreiche Unterthesen und Argumente, in denen er vor allem weithin akzeptierte Beurteilungen der gegenwärtigen Lesesituation desavouiert – mal fast spielerisch, mal in eher prophetischem Ton. Zum einen weist er auf die lange Geschichte der Klagen über den Tod des ‚richtigen‘ Lesens hin. Dieser historisierende Blick strukturiert vor allem Kapitel Zwei, „Eine kurze Geschichte der Lesekritik“ (23–40), die bei Lauer auf fruchtbare Weise dazu erweitert wird, „die Medienkritik in ihrer ängstlichen Phantasielosigkeit vorzuführen“ (33). Dieser Blick dient immer wieder einer geschichtlichen Relativierung über präsentistische Kurzsichtigkeit hinaus (beispielsweise 61, 131). Lauer scheut nicht vor gelegentlichen Provokationen zurück, so zum Beispiel im Vergleich der positiven Wirkung von Avataren in der virtuellen Welt mit den „vorbildliche[n] Leben der Heiligen“ (196–97). Was die Gegenwart angeht, räumt er mit dem doppelten Vorurteil auf, dass die Leseziffern sinken und dass digitale Medien das traditionelle Lesen ersetzen: Beides ist nicht der Fall. Dass digitale und traditionelle literacy im Gegenteil Hand in Hand gehen, haben bereits Untersuchungen der Stiftung Lesen vor 20 Jahren belegt; Lauer weist hierbei insbesondere auf die Rolle des Klassenprivilegs von bildungsaffinen Schichten hin und spricht auch von den „Verlierern der digitalen Modernisierung“ (77, siehe auch 53 und öfter).

Einer der Kurzschlüsse, den Lauer zu Recht zurückweist: Buchkultur ist „nicht deckungsgleich“ mit Lesekultur (43, ähnlich 44 und öfter). Immer wieder geht es ihm darum, falsche Oppositionen zu dekonstruieren: So sei „der Gegensatz zwischen Mediennutzung und sozialer Nähe einfach falsch“ (55), gleichfalls der von Internetnutzung und gesellschaftlichem Engagement (75). Er tut dies oft mit einem Parallelen diagnostizierenden Blick in die Vergangenheit, der dann überraschende Kontinuitäten sichtbar macht: „Welche Anstrengungen musste noch Voltaire unternehmen, um in seiner Kutsche lesen und schreiben zu können, Nachrichten zu empfangen und an der nächsten Poststation Briefe aufzugeben. [ … ] Die digitalen Medien sind Voltaires Kutsche, nur eine sehr viel bessere.“ (110) Er vergleicht Laienrezensionen in sozialen Netzwerken mit der empfindsamen Lektüre zu Zeiten Rousseaus (138–39). Seine Charakterisierung der Schreib- und Leseplattform Wattpad, einer der zahlreichen (in Lauers Formulierung) „digitale[n] Allmende[n]“ (230) und nach eigenen Angaben „the world’s most-loved social storytelling platform“ für eine „global community of 90 million readers and writers“ (www.wattpad.com): „Friedrich Schlegels romantischer Traum von der Aufhebung der getrennten Rollen des Lesers, Autors und Kritikers ist millionenfacher Alltag für die Autoren auf Wattpad [ … ].“ (128) In dem von ihm im Verlauf des Bandes entworfenen Bild sind die Grenzen zwischen hoher Literatur und diversen Formen von Gebrauchsliteratur längst erfolgreich und leser_innenermutigend verwischt und wird das traditionelle Lesen, statt von der digitalen Entwicklung bedroht zu sein, in dieser aufgehoben: ein Prozess, „in dem das Buch nur Teil einer reicheren Umwelt geworden und mit ihr anders verbunden“ ist (112) – und der, wenn man Lauers optimistischem Entwurf folgt, harmonisch und weitgehend reibungsfrei abzulaufen scheint: „Wir lesen und schreiben in einer digitalen Umwelt, in der die mündlich erzählte Lebensgeschichte ebenso dazu gehört, wie das nur für sich handschriftlich geschriebene Tagebuch, das digital geteilte Interview über das eigene Leben oder das Gedicht auf Instagram oder das gedruckte Buch.“ (165)

In seinen Beschreibungen der „Individualisierung oder auch Heterogenisierung des Lesens und Schreibens im digitalen Zeitalter“ (124) operiert Lauer mit einer wesentlich umfassenderen Konzeption des Lesens als Rezipieren (vor allem) von Geschichten in unterschiedlichen Medien (inklusive Bildern), und parallel mit einem entsprechend geräumigen Begriff des Buchs. Dass darunter für ihn Texte fast jeder Art fallen, bringt mit sich eine historische Entspezifizierung des Buchs als material genau definiertem Druckobjekt; die Rezensentin wünscht sich, er hätte stattdessen mit dem hier nützlichen Begriff „Text“ operiert, der gut die Position zwischen „Buch“ und „Datei“ (siehe besonders 225) hätte einnehmen können. Ebenfalls gewünscht hätte ich mir, dass in Lauers Szenario eines im wesentlichen problemlosen Umstiegs auf digitale Textformen auch einzelne Forschungsergebnisse Platz gefunden hätten, die darauf hinweisen, dass das Lesen von materialen Textobjekten zu einer besseren kognitiven Verankerung im Gehirn führt. Lauer geht zu schnell über die mehrfache physiologisch-motorische Basierung der menschlichen Lesefähigkeit in körperlichen Prozessen hinweg: Er führt hier die erwiesene Behaltens-Minderung des Inhalts beim Lesen von E-Texten lediglich auf die Neuheit dieser Lesepraxis zurück und verheißt zuversichtlich Änderung, „je alltäglicher das elektronische Lesen wird und wir die etwas andere Leseweise eingeübt haben.“ (119)

Lauer kann seine Zuversicht, das Lesen sei keineswegs dem Untergang geweiht, im Einzelnen überzeugend belegen, er tut dies immer wieder auch mit Zahlen und Statistiken: mit der Anzahl von Leser_innen, Neuerscheinungen und Bestsellern, von Nutzern digitaler Plattformen, auch mit dem Hinweis auf die Revolution des antiquarischen Markts durch das Internet (144). Immer wieder weist er die Vorstellung vom „Kulturkampf zwischen Buch und Computer“ (122) zurück und zeigt an Details, „dass das neue digitale Medium die alten Medien und Instanzen des Druckzeitalters in sich aufnimmt“ (13), wiederum auch mit historischer Parallele: „Das Buch hat sich neue Kaffeehäuser und Zeitungen gesucht und hat sie in den Smartphones der Jugendlichen und in den sozialen Medien längst gefunden. Deshalb ist der Computer nicht der Tod des Buchs, eher sein Kaffeehaus.“ (124)

In seinem vorletzten Kapitel, „Mutmaßungen über die Zukunft von Buch und Lesen“ entwirft Lauer etwas überambitioniert (und mit gelegentlich entgleisenden Formulierungen) eine Reihe von Zukunftsszenarien „zwischen Utopie und Dystopie“ (213), die von künstlicher Intelligenz zur „virtuellen 3D-Welt“ (199), von Chatbots (die „kleine Freundin Xiaoice“ [197]) zu Mikrogenres, von Preispolitik und Open Access zu „Biotelemetrie“ (196) reichen, die aber auch dort anregend bleiben, wo sie Widerspruch herausfordern oder in ihrer Spekulativität selbst widersprüchlich bleiben – einer Spekulativität, die Lauer bereitwillig selbst zugesteht.

Bei einem so modisch gewordenen Thema wie dem des Lesens ist nicht zu erwarten, dass jede neue Publikation gleichermaßen neue Erkenntnismaßstäbe zu setzen imstande ist. Griems abschließendem, etwas allgemein gehaltenem Plädoyer für die Entwicklung der Fähigkeit, „das eigene Tun mit einem möglichst neugierig-verfremdenden Blick zu betrachten und dabei die Freude am Machen und am Können gerade nicht zu verlieren“ (114), kann man uneingeschränkt zustimmen, ebenso Lauers Fazit, „dass gelingendes Lesen nicht eine Frage von digital oder analog ist. Es ist eine Frage der gelingenden Lesesozialisation, die dann auch noch selbstverständlich mit einübt, wie man in der digitalen Welt erfolgreich lesen kann.“ (101) Wer sich für die Formen des Lesens interessiert, die unsere gegenwärtige Lesekultur prägen, findet in beiden Bänden spannende Informationen und Beobachtungen. Lauers Band ist wesentlich umfassender und origineller. Sein Zurechtrücken von Vorurteilen, seine erfrischenden und historisch gestützten Analogien, seine zukunftsoffene Perspektive auf den „großen Lesesaal Internet“ (227), sein Bestehen auf einer weniger oppositionellen als vielmehr inklusiven Sicht der Entwicklung – „Analoge Formate sind Teil einer größeren, digitalen Welt“ (165) – das ist in vielfacher Hinsicht ein erhellendes und willkommenes Gegenmodell zu den Untergangsszenarien der feuilletonistischen Literaturkritik und lohnt unbedingt Lektüre und Diskussion. Man wünscht diesem Buch eine breite Leserschaft – von Akademiker_innen, Eltern und allen an einer kritisch-demokratischen Öffentlichkeit Interessierten.

Footnotes

  • * All prices correct at time of submission to press.