Mit Der feste Buchstabe hat Achim Geisenhanslüke ein unzeitgemäßes Werk vorgelegt. Unzeitgemäß, weil es auf Fragen der Hermeneutik abstellt, eines Felds also, dem in den zeitgenössischen Geisteswissenschaften ein schwindendes Interesse gilt. Die Hermeneutik sei ein toter Fisch, ließe sich behaupten – und ihre Fragestellungen mit dem Edelrost des Obsoleten überzogen. Diese Antiquiertheit der Hermeneutik hat nicht zuletzt mit ihrer Privilegierung von Sinn und Geist zu tun, zweier Begriffe, die spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowohl ihre argumentative Autorität als auch ihre systemische Relevanz eingebüßt haben. Anstatt diesen Umstand zu bestreiten und einer logozentrischen Hermeneutik das Wort zu reden, versucht sich Geisenhanslüke jedoch am Nachzeichnen einer anderen hermeneutischen Tradition – zumal einer, die den Sinn immer schon in ein Spannungsverhältnis zu seinem materiellen Träger, dem Buchstaben, setzt. Seine Studie steht demnach im Zeichen einer Insistenz, ja einer Renitenz der Lettern, deren „Drängen“ (118), wie Geisenhanslüke es mit Lacan formuliert, jeder voreiligen „Privilegierung des Sinnes“ (11) den Garaus macht. „Am Buchstaben“, fasst der Autor zusammen, „droht der Universalanspruch des Geistes zu zerschellen“ (22).
Das Buch, dessen Argument sich in drei Schritten bewegt, handelt so einerseits von der Selbstbehauptung des Buchstabens innerhalb hermeneutischer Diskurse – andererseits aber von einer Insistenz der Hermeneutik selbst, die Geisenhanslüke weit über die Grenzen des Schleiermacher’schen Projekts hinaus am Werk sieht. Der erste Teil handelt mithin von der Möglichkeit einer literarischen Hermeneutik im engeren Sinn, gefolgt von einer Besprechung der Psychoanalyse und ihrer hermeneutisch geschulten Auslegepraktiken; abgeschlossen wird das Buch von einem dritten Teil, der sich vorrangig um Probleme der Buchstäblichkeit in der Übersetzungsarbeit dreht. Das Argument nimmt denn also von Schleiermacher seinen Ausgang, um dann sogleich ins 20. Jahrhundert zu springen, um mit dem Werk Peter Szondis eine Anstrengung zu diskutieren, den Buchstaben aufzuwerten, ohne sich vom Geist vollends zu verabschieden: „Wo Schleiermacher darum bemüht ist, den Buchstaben ganz im Geistigen aufzulösen und wo die Dekonstruktion ganz dahin drängt, alles Geistige auf die Materialität der Schrift [ … ] zurückzuführen, da sucht Szondi eine Übersetzung des Buchstabens in den Geist, die beiden gerecht zu werden vermag“ (54). An diese Geste der Versöhnung knüpft sich auch die Agenda Geisenhanslükes, der zwischen Logosfetisch und Grammatologie den Mittelweg zu bevorzugen scheint.
Als Leser_in jedoch wünschte man sich in diesem Kontext bisweilen eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Kritik. Das Projekt der Dekonstruktion und sein kompliziertes Verhältnis zur Hermeneutik wird bei Geisenhanslüke nur en passant besprochen, was auch damit zu tun hat, dass sich der Autor nur wenig mit den Ausläufern der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert, vornehmlich Heidegger und Gadamer, auseinandersetzt – zwei Denkern, die für Jacques Derridas Orientierung zum Thema maßgeblich waren. Der Name, der im ersten Teil die Synekdoche für Dekonstruktion hergibt, ist näher an Szondi angesiedelt und lautet auch nicht Derrida, sondern Werner Hamacher. Geisenhanslüke sieht in Hamachers Arbeiten eine Art „Anti-Hermeneutik“ am Werk, im Zuge derer Verstehen ein differentielles Verhältnis zu sich selbst aufspannt und damit in den Abgrund eines permanenten Anders-Werdens stürzt. Verstehen wird so die Unmöglichkeit von Verstehen. Gegen diese Denkbewegung richtet Geisenhanslüke den Vorwurf, dass sie im Abtragen der Prämissen idealistischer Hermeneutik heimlich „neue Prämissen ein[führt], die selbst keiner weiteren kritischen Prüfung unterzogen werden“ (42). Es sind Momente wie dieser, da der kursorische, auf Geschwindigkeit angelegte Charakter von Geisenhanslükes Argument potenzielle Schwächen zeigt. So bleiben etwa in der Gegenüberstellung zwischen Hamacher und Szondi gerade jene Texte unberücksichtigt, die ersterer der Auseinandersetzung mit letzterem konkret widmete (vgl. etwa den Band Was zu sagen bleibt, Schupfart: Engeler, 2019).
Die vielleicht spannendste Partie des Buchs liegt im Mittelteil, worin es neben Freud und Lacan um eine faszinierende Kritik an der psychoanalytischen Hermeneutik, zumal bei Kleist (avant la lettre), Thomas Pynchon und Vladimir Nabokov geht. Ausgehend von Freuds Traumdeutung legt Geisenhanslüke dar, dass die Entschlüsselung von Träumen auf einer „Übertragung der bildlichen in eine sprachliche Ordnung“ beruhe (95), und dass letzterer ein genuin literarischer Charakter eigne. Träumen ist eine sprachliche Angelegenheit, deren anagrammatische Wortbildungen in dem Maße, als sie dichtend und verdichtend verfahren, auf das Problem der Buchstäblichkeit zurückweisen. Geisenhanslüke beruft sich in diesem Zusammenhang etwa auf den dritten in der Traumdeutung besprochenen Traum, worin Freud eine botanische Monografie verfasst zu haben träumt. Die Sprache des Traums, beobachtet Geisenhanslüke, kollidiere mit dem Referenten der Monografie, sodass sich eine Assoziationskette ergebe, „die sich auf eine fast poetisch zu nennende Weise um das Wortfeld der Pflanze dreht“ (89) – der Traum von der Botanik beginnt also selbst Blüten zu treiben, die keiner anderen Flora entstammen als den „Blumen der Rede“ (87) selbst.
Das Problem der Referenz wird im Kontext der Lacan’schen „Rückkehr zu Freud“ wieder aufgegriffen, zumal in Hinblick auf die Psychose, die „nach außen, an die Welt gerichtet“ (136) sei, wodurch die Wirklichkeitsbezogenheit ihrer Sprache ins Zentrum der Kritik drängt. Im Üben derselben rückt Geisenhanslücke den Problem-komplex weg von Lacans eigener Begrifflichkeit und hin zum Vokabular der strukturalistischen Linguistik, wodurch sich eine interessante Perspektive auf Lacans Einschätzung der Paranoia herstellt. In der Psychose, fasst Geisenhanslüke zusammen, komme es „zu einer Verschiebung, die das Verhältnis der Sprache zur Realität betrifft“ (149). Dies gelte vornehmlich für den Paranoiker, der dazu neige, „den Bezug des Zeichens zum Referenten nicht arbiträr auszulegen, sondern als einen notwendigen zu verstehen“ (149). „Philologisch“ wäre die Paranoia also zu definieren als die Einbildung einer unbestreitbaren Notwendigkeit des Bezugs zwischen sprachlichem Zeichen und seinem außersprachlichen Gegenstand. Die Insistenz auf die buchstäbliche Bedeutsamkeit der außersprachlichen, phänomenalen Umwelt wäre demnach eine Form von Wahnsinn – das Gefangensein in einer totalitären Zeichenwelt, deren versteckten Sinn zu entschlüsseln der Paranoiker sich auserkoren sieht. Überformungen dieses Prinzips findet Geisenhanslücke schließlich bei Nabokov und Pynchon am Werk (der Fokus liegt auf den Werken Pale Fire und V), deren Besprechung er einer einfallsreichen Analyse der Buchstäblichkeit bei Kleist (besonders in „Der Findling“) an die Seite stellt.
Der letzte Teil des Buchs verhandelt schließlich Fragen der Übersetzbarkeit und zeichnet sich neben einer bestechenden Untersuchung Paul Celans durch eine eingehende Auseinandersetzung mit Derridas Frage nach einer „relevanten“ Übersetzung aus. Die Dekonstruktion rückt demnach wieder ins Zentrum der Kritik – so spiegelt sich in der Besprechung Derridas das Argument, welches sich anfänglich gegen Hamacher richtete: der Dekonstruktion mit ihrer „radikalen Infragestellung der Hegemonie des Sinns“ liege eine „aporetisch angelegte Ethik des Unmöglichen zugrunde“, welche ihrem „Unterfangen Grenzen einschreibt“ (204). Laut Geisenhanslüke verläuft eine dieser Grenzen eben zwischen Geist und Buchstaben; erst ihre Anerkennung böte die Grundlage einer philologischen Kritik, die „dem Buchstaben wie dem Geist gleichermaßen gerecht zu werden vermöchte“ (205). Wieder plädiert der Autor für den Mittelweg. Wobei er uns Leser_innen allerdings die Antwort auf die Frage schuldig bleibt, wo und wie sich etwas wie „Geist“ denn schlüssig denken ließe, wenn nicht als Schrifteffekt. Die Aufforderung, den Lettern wie ihrem Sinn „gleichermaßen gerecht zu werden“, impliziert die Annahme, beide seien gleichursprünglich und hätten Anspruch auf dieselbe Evidenz. Geisenhanslückes Pochen auf den festen Buchstaben signalisiert eigentlich überzeugend, dass dem nicht so sei.






