Carola Hähnel-Mesnard widmet sich in ihrem umfangreichen Buch Zeiterfahrung und gesellschaftlicher Umbruch in Fiktionen der Post-DDR-Literatur einer tiefgründigen Analyse der Darstellung von Zeitwahrnehmung in Texten von den „ostdeutsch sozialisierten“ Autor_innen Lutz Seiler, Julia Schoch und Jenny Erpenbeck. Ihr Fokus liegt auf der Wende-Zeit nach dem politischen Umbruch von 1989 in der ehemaligen DDR und auf dem Einfluss dieses historischen Kontexts auf die literarische Auseinandersetzung mit Zeitwahrnehmungen und -konzepten. Es wird untersucht, wie die Autor_innen sich in ihren Werken der Herausforderung stellen, sich in den destabilisierten Zeitkoordinaten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach der Wende neu zu verorten. Hähnel-Mesnard diskutiert hierzu Lutz Seilers Die Zeitwaage, Kruso und Stern 211; Julia Schochs Der Körper des Salamanders, Verabredungen mit Mattok, Mit der Geschwindigkeit des Sommers und Selbstporträt mit Bonaparte; und Jenny Erpenbecks Geschichte vom alten Kind, Heimsuchung und Aller Tage Abend.
Zunächst hebt das Buch einführend die Idee der Vielfalt moderner Zeitlichkeiten hervor, die traditionelle Zeitverständnisse in Frage stellen. Es wird betont, dass die hier diskutierten Texte nicht nur eine persönliche Krise der Zeit, sondern auch eine gestörte gesellschaftliche und objektive Zeit reflektieren, was zu einer Erschütterung des teleologischen Zeitbewusstseins führt. Die Untersuchung von Zeitwahrnehmungen ermöglicht laut der Autorin eine Abwendung von der Repräsentation der Ereignisse hin zu einer Betrachtung der direkten und indirekten Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs in lebensweltlicher Perspektive. Sie betont, dass die Analyse der Zeitwahrnehmung es zulässt, die fundamentalen Veränderungen und Unsicherheiten, die mit dem politischen Umbruch von 1989 einhergingen, aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Hähnel-Mesnard zeigt, wie die individuelle Zeitwahrnehmung der literarischen Figuren ästhetisch gestaltet ist und dabei historisch bedingte Desorientierung und Irrealität erlebt werden. Insgesamt, so argumentiert die Autorin, ergänzt die Literatur die Geschichtserzählung, indem sie die Diskrepanz zwischen subjektiver und kollektiver Zeiterfahrung mit eigenen Mitteln zum Ausdruck bringt. Die Literatur dient als Medium, um die komplexen Zusammenhänge von Zeit, Geschichte und menschlicher Erfahrung zu erfassen und zu verarbeiten. Besonders hervorgehoben wird die Art und Weise, wie diese Autor_innen die Vergangenheit der DDR betrachten. Statt nostalgischer Verklärung suchen sie nach poetischer Eigenzeit und ästhetischer Zeitlosigkeit. Hähnel-Mesnards Betrachtung von „Schwellensituationen“ in Lutz Seilers Texten ist hierzu besonders anschaulich gestaltet. Der gedankliche Übergang in die Vergangenheit ist durch eine besondere „Zeitlosigkeit“ ausgezeichnet. Momente des Archaischen und Mythischen suggerieren eine Entschleunigung und Detemporalisierung der Gegenwart, was es möglich macht, sie als destabilisierend wahrzunehmen, während die Zukunft als abwesende Sinnkategorie erscheint. Sehr überzeugend stellt Hähnel-Mesnard dar, wie die Texte auch die Konstruktion von Geschichte und Zeit sowie deren Desorientierung und Misstrauen in den allgemeinen Verlauf der Geschichte nach dem Zusammenbruch der DDR reflektieren, und zeichnet die Entwürfe der Autor_innen nach, eine Eigenzeitlichkeit und Anderszeitlichkeit als Reaktion auf das dominante Zeitregime zu entwerfen.
Im interdisziplinären Forschungsbereich der Critical Time Studies gibt es derzeit Bemühungen, auf die vielfältigen und konkurrierenden Zeitlichkeiten einzugehen, die den gegenwärtigen Moment definieren, Zeitlichkeiten, die durch die Singularität der Zeit in einem scheinbar vollständig neoliberalisierten globalen Netzwerk von Handel und Kommunikation reduktiv überschrieben wurden. Hähnel-Mesnard setzt sich nur am Rande mit diesen Versuchen auseinander: Während die gewählten Autor_innen komplexe narrative Strukturen entwerfen, um die vielschichtigen Dimensionen von Zeit und ihre Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Bewusstsein zu erforschen, und obwohl Hähnel-Mesnard die literarische Inszenierung veränderter Zeitwahrnehmung ins Zentrum ihrer Betrachtung stellt, werden diese narrativen Strategien nur ansatzweise erwähnt. Es wäre interessant gewesen, die erzählerischen Interventionen, mit denen die Schriftsteller_innen traditionelle Zeitdarstellungen und -wahrnehmungen erweitern bzw. in Frage stellen, theoretisch aufzuarbeiten, denn auf „Spielerische Zeitszenarien“, „Szenarien der Rekursivität“ oder die „Darstellung von Parallelwelten bzw. möglichen Welten“ (261) wird von der Autorin mit Bezug auf Johannes Pauses Texturen der Zeit. Zum Wandel ästhetischer Zeitkonzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Gera 2019) zwar angespielt, jedoch gibt es keine (theoretische) Auseinandersetzung mit den narrativistischen Ähnlichkeiten zur literarischen Fantastik, in der erzählerische Interventionen gegenüber Zeitstrukturen und -wahrnehmungen ausführlich diskutiert werden.
Insgesamt liefert Carola Hähnel-Mesnard jedoch eine faszinierende und umfassende Untersuchung über die Darstellung von veränderter Zeitwahrnehmung in der Post-DDR-Literatur und zeigt auf, wie diese Texte dazu beitragen, die komplexe Natur von Zeit und Geschichte zu verstehen und zu reflektieren. Darüber hinaus weist sie darauf hin, wie die literarische Auseinandersetzung mit Zeit auch eine tiefgreifende Betrachtung der Konstruktion von Geschichte und der menschlichen Existenz an sich ermöglicht.






