Abstract:
This article examines Daniela Dröscher’s Lügen über meine Mutter within the context of contemporary autofictional family novels that explore the intersection of family and nation. Focusing on 1980s West Germany, the novel portrays a mother marginalized due to her body and Silesian heritage, using the family as a metonym for the Federal Republic. The analysis highlights how Dröscher’s novel critiques traditional gender norms, economic ideologies, and national identity through intertextuality, media references, and the symbolic role of the mother. Drawing comparisons with Kim de l’Horizon’s Blutbuch and Sylvie Schenk’s Maman, the article situates Dröscher’s work in a broader literary context that interrogates national belonging, memory, gender and exclusion. It argues that the novel reflects and deconstructs dominant narratives of progress and national cohesion, revealing the tensions and exclusions underpinning West German society and contributing to a more nuanced understanding of national historiography through the lens of family.
I. Einleitende Überlegungen
1 Lügen über meine Mutter im Kontext
Autofiktionale Familienromane, die sich im Erzählen über Mütter und Großmütter zugleich mit dem Nationenkonzept, Nationalstaatlichkeit und/oder Nationalismus auseinandersetzen, haben in der neuesten Gegenwartsliteratur Konjunktur: Neben den Buchpreis-Gewinnern Blutbuch (2022) von Kim de l‘Horizon und Herkunft (2019) von Saša Stanišić können Sylvie Schenks Maman (2023), und Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter (2022) als Beispiele angeführt werden. Dabei ist das konzeptuelle Verknüpfen von Familie und Nation keine neue Erfindung: Europäische Völker definierten sich schon vor der Etablierung des modernen Nationenbegriffs nach den Genealogien der herrschenden Familien, und das lateinische Substantiv gens konnte sowohl ‚Geschlecht‘/‚Familie‘ als auch ‚Volk‘ bedeuten (Besse 52). Frühe Versuche, Begriffe wie ‚Nation‘ und ‚Volk‘ zu definieren, waren von gegenderten Verwandtschaftskonzepten geprägt, die heute noch den Nationendiskurs mitbestimmen—etwa in der Rede von ‚Muttersprache‘ und ‚Vaterland‘ (Yildiz 6). So ging der Aufstieg des Nationalismus im 18. Jahrhundert Hand in Hand mit der Etablierung der modernen bürgerlichen Kernfamilie und der in ihr starrer als zuvor definierten Rollen von Mann und Frau (Mosse 17f.). Während Familien- und Generationenromane seit ihren Anfängen Wechselwirkungen zwischen Familie und Gesellschaft thematisieren (Grugger 11), rücken gegenwärtige Familienromane zunehmend das Konzept der Nation sowie insbesondere die Korrelation zwischen Vorstellungen von (Kern-)Familie und Nationalstaat in den Vordergrund.1 Diese Entwicklung lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass „the mutually constitutive relationship between the nation-state, gender, sexuality and race/ethnicity is undergoing deep reconfiguratons at the light of the challenges brought by contemporary migration flows“ (Bonizzoni 223f.). Die durch diese Migrationsbewegungen ausgelösten Dynamiken haben ihrerseits Prozesse der ‚Re-Nationalisierung‘ gefördert, innerhalb derer die jüngsten Erfolge nationalkonservativer Bewegungen in mehreren Ländern mit einer restriktiven, konservativen Familienpolitik einhergehen.2 In gegenwärtigen Familien- und Generationenromanen werden diese Prozesse nicht selten aufgegriffen und reflektiert (vgl. hierzu Hammarfelt, „Familie, Nation(alstaat), Gemeinschaft“).
Im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags steht die Funktionalisierung der Familie als Mittel zur Darstellung und Reflexion der westdeutschen Gesellschaft der 1980er Jahre in Daniela Dröschers Roman Lügen über meine Mutter,3 der das Erzählen über die eigene Mutter und Familie der Ich-Erzählerin mit Reflexionen zum Prozess nationaler Selbstherstellung verwebt. Dröschers Roman stellt eine Familie in einem rheinland-pfälzischen Dorf der 1980er Jahre dar, wobei das Erzählen insbesondere um die Figur der Mutter kreist, die aufgrund ihrer Korpulenz und ihrer schlesischen Herkunft in der dörflichen Gemeinschaft in doppeltem Sinne fremd markiert ist. Der Roman wurde überaus positiv rezipiert, aber womöglich wegen seiner detaillierten Darstellung des gemeinhin tabuisierten Themas Übergewicht überschatten Überlegungen zum weiblichen Körper und Gendernormen in vielen Rezensionen andere Dimensionen des Romans und vor allem seine kritische Auseinandersetzung mit der westdeutschen Gesellschaft der 1980er Jahre. Wenn doch auf die gesellschaftliche Dimension hingewiesen wird, wie in der Rezension Wiebke Porombkas (unpag.), ist von einem „unterbeleuchtete[n] Kapitel weiblicher Alltags- und Sozialgeschichte“ die Rede. Die Etikette des ‚Weiblichen‘ greift jedoch insofern zu kurz, als Dröschers Roman die geschilderten Umstände gerade nicht als ‚weibliche‘ Angelegenheit darstellt, sondern als formativ für die gesamte westdeutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit. Durch den Fokus auf Formen der Parallelisierung von Familie und Nation rückt der vorliegende Artikel weiter andere Dimensionen in den Vordergrund als die wenigen bisher erschienenen literaturwissenschaftlichen Analysen, in denen vor allem die im Roman dargestellten patriarchalen Familienmuster (vgl. Brausmann 102ff.) sowie verschiedene Formen und Themen autosoziobiografischen Erzählens (vgl. zum Konzept der Autosoziobiographie Blome, Lammers und Seidel 1f.) untersucht wurden (vgl. Ostermoor, „Stolperstein“, „Abtreibende Mütter“). Es fehlt bislang eine Analyse, die die dargestellten familiären Verhaltensweisen in Lügen über meine Mutter als Bausteine einer literarischen Geschichtsschreibung versteht, welche sich mit der Bundesrepublik der 1980er Jahre auseinandersetzt und die gesellschaftlichen Dynamiken dieser Zeit nachzeichnet.
Der vorliegende Artikel zeigt, dass in Dröschers Roman das familiäre Mikrokosmos—mit seinen Rollenangeboten, Machtverhältnissen, Ambitionen und Ängsten—als pars pro toto fungiert, um die bundesrepublikanische Gesellschaft der 1980er Jahre, insbesondere deren prägende Narrative und Spannungen, darzustellen und zu erkunden. In einem close reading, das der narrativen Form und intertextuellen sowie intermedialen Bezügen ebenso Beachtung schenkt, wie der Darstellung der familialen Rollen, Verhalten und Dynamiken, werden zentrale Strategien der Metonymisierung herausgearbeitet.4 Durch die gewählte Methode knüpft die Analyse an Solveig Maltraits Analyse von modernen französischen Familienromanen an, in der gezeigt wird, dass der Familienroman eben gemäß einer Logik des pars pro toto operieren kann, wobei Familie nicht nur als Studienobjekt gesellschaftlicher Entwicklungen erscheint, sondern vielmehr als eine symbolische Darstellung, die die familiäre Semantik transzendiert und zur sinnstiftenden Metonymie der Gesellschaft wird. Auf diese Weise würden gesamtgesellschaftliche Tendenzen nicht nur abgebildet, sondern auch durchleuchtet (vgl. Maltrait 151).
Um meine Analyse literarisch und theoretisch zu verankern, werden zunächst Formen des Verbindens der Darstellung von Familie mit Reflexionen über Nation in zwei der oben genannten Romane, l’Horizons Blutbuch und Schenks Maman, herausgearbeitet und unter Einbezug relevanter Theorien zu Gender und Nationenherstellung von unter anderem Nira Yuval Davis (1997) und George Mosse (2020 [1985]) diskutiert. Im Vergleich mit dem ebenfalls einleitend erwähnten Roman von Stanišić fokussieren Schenk und l’Horizon stärker die zentrale Bedeutung von Gender und Klasse im Prozess nationaler Selbstherstellung und Geschichtsschreibung und eignen sich so als Folie, um zentrale Fokusbereiche der Analyse herauszuarbeiten. Anschließend wird Dröschers Roman analysiert, wobei zunächst auf formale Aspekte des Erzählens, Intertextualität und Intermedialität eingegangen wird, bevor sich die Analyse mit einigen sich im Roman herauskristallisierenden, Familie und Gesellschaft durchlaufenden Tendenzen und ihrer literarischen Darstellung auseinandersetzt: dem Festhalten an konservativen Gendernormen; dem Zusammenspiel von Technik- sowie Fortschrittsglauben und German Angst; Praktiken der Marginalisierung des Anderen; und schließlich dem maßgeblichen Einfluss des Fernsehmediums auf Selbst- und Weltbilder.
2 Wechselwirkungen von Familie und Nation bei Kim de l’Horizon und Sylvie Schenk
Kim de l’Horizons Blutbuch (2022) und Sylvie Schenks Maman (2023) lassen sich als exemplarische Vertreter jener gegenwartsliterarischen Tendenz verstehen, die die konzeptuelle Korrelation von Familie und Nation mit besonderem Augenmerk auf Gender als verbindendem Faktor spielerisch aufgreift. Bei l‘Horizon setzt sich eine genderfluide Erzählfigur in Ansprache ihrer an Demenz erkrankten Großmutter mit der eigenen Familiengeschichte auseinander und schreibt gegen das Vergessen und Verschweigen an; und in Schenks Maman versucht die Ich-Erzählerin ihrer eigenen Mutter, die während des Ersten Weltkriegs als Tochter einer unverheirateten Textilarbeiterin zur Welt kam und elternlos aufwuchs, im Schreiben näher zu kommen. Beide Familienromane weisen autofiktionale sowie autosoziobiographische Züge auf und rücken Mütter und Großmütter in den Vordergrund.5 Sie zeichnen auf die in „Metaphern des Nationalen wie Muttersprache, Vaterland, Vater Staat u.ä.“ angezeigte „Analogie in den genealogischen Modellen von Familie und Nation“ (Weigel 76) anspielend Familiengenealogien nach, und verweisen auf die in Diskursen des Nationalen häufig vorkommende Tendenz, die Nation als natürliche Extension von Verwandtschaftsbeziehungen zu betrachten (Yuval Davis 1).6
Beide Romane greifen auf zahlreiche Intertexte zurück und sind durch ein hohes Maß an literarischer Selbstreflexion gekennzeichnet. Oft kreist diese Reflexion um die Sprache und das gegenderte und emotional aufgeladene „kinship concept of the unique ‚mother tongue‘ “ als zentrale Komponente des europäischen Nationendiskurses (Yildiz 7), sowie um verschiedene Formen der Geschichtsschreibung im Kontext von Familie und Nation, wobei diese beiden Formen von Gemeinschaft immer wieder miteinander in Verbindung gebracht werden, etwa als sich l’Horizons Erzählfigur in einem Kapitel mit Goethe beschäftigt, „um Vaterkomplexe und Nationaldichter zusammenzuargumentieren“ (l’Horizon 152). Literatur und Medien rücken immer wieder als Mittel nationaler Selbstrepräsentation in den Fokus, zum Beispiel stellt sich Schenks Erzählerin beim Darstellen der letzten Minuten im Leben ihrer biologischen Großmutter vor, wie eine Nonne im Kreissaal einen Blick auf die Tageszeitung Le Progrès vom 29. Dezember wirft und
voll Ehrfurcht das Foto von zwei Helden aus Verdun [sieht], der eine hat einen Verband um den Kopf, der zweite steht auf Krücken, zwei exemplarischen Sieger an der Front, die die Deutschen zum vorläufigen Rückzug gezwungen haben. Die Nonne freut sich über die Niederlage der Deutschen. (Schenk 17)
So veranschaulichen beide Romane die von Benedict Anderson in Imagined Communities (2016 [1983]) hervorgehobene Bedeutung der Druckpresse und der durch sie ermöglichten Befestigung der Volkssprachen—genauer: das Einführen eines gemeinsamen Kommunikationsforums zwischen den Ebenen des Lateinischen und der vernakulären Sprachen; das Fixieren der Sprache, was das Hervorbringen der Idee der Nation fazilitierte; und die Herausbildung neuer Formen von „languages of power“ (44)—für den Prozess der Nationenbildung.
Weiter verbindet Blutbuch und Maman der Fokus auf Figuren, die in die bürgerliche Familie nicht hineinpassen bzw. in ihr keinen selbstverständlichen Platz haben. Auch öffentlich initiierte Maßnahmen zwecks der Kontrolle von Familienbildung und Bevölkerung werden in beiden Romanen thematisiert, wodurch Wechselwirkungen zwischen der Norm der modernen bürgerlichen Kernfamilie und dem Nationenideal beleuchtet werden.7 In Nationalism and Sexuality (2020 [1985]) verweist George Mosse auf die instrumentelle Rolle des sich im 18. Jahrhundert herausbildenden Ideals der Kernfamilie für den Aufstieg des Nationalismus. Er verknüpft diese Entwicklung mit der zunehmenden Tendenz, durch medizinische, pädagogische und polizeiliche Maßnahmen zwischen ‚normalem‘ und normabweichendem Verhalten zu unterscheiden, und betrachtet das Ideal der Nation als ein Mittel zur Legitimierung solcher Praktiken:
[T]heir methods had to be informed by an ideal if they were to be effective, to support normality and contain sexual passions. In most timely fashion, nationalism came to the rescue. It absorbed and sanctioned middle-class manners and morals and played a crucial part in spreading respectability to all classes of the population, however much these classes hated and despised one another. (Mosse 10)
Dem Ineinandergreifen der Geschichte der Kernfamilie und des Nationalstaates wird in den hier im Vordergrund stehenden Romanen in je individueller Weise nachgespürt: Während bei l’Horizon die Disziplinierung von gegen die bürgerliche Familien- und Heteronorm verstoßenden Menschen und Beziehungen in den Vordergrund rückt, legt Schenks Roman unter anderem durch die (wiederholt vorkommende) Darstellung ungeplanter Schwangerschaften und ihrer Handhabe im Rahmen der Familie sowie vonseiten der öffentlichen Verwaltung (vgl. z. B. Schenk 14, 82, 91) den Akzent auf den mit Nationenprojekten häufig einhergehenden Druck auf Frauen, „to have or not to have children“ (Yuval Davis 22), also auf Strategien, um die Frau in die Rolle als Garantin der Reproduktion der Nation zu drängen oder ihr umgekehrt, etwa unter Berufung auf die ‚Volksgesundheit‘, Nachwuchs zu verweigern.
Durch das Hervorheben marginalisierter Figuren werden jedoch in den beiden Romanen nicht nur Formen der Disziplinierung, sondern auch Akte der Exklusion im Namen der Familie und/oder der Nation an den Tag gelegt. Dass Nationenherstellung mit Ausschlussmechanismen einhergeht, ist ein zentraler Aspekt der Kritik Anthony Marx‘ an Andersons Konzept der imagined communities. Marx zufolge bilden Kohäsion und Zusammenhalt nur die eine Seite der Münze der Nationenbildung, die immer auch mit (bei Anderson weitgehend unberücksichtigten) Exklusionsmechanismen einhergehen:
Citizenship rights have often been allocated selectively, not universally. [ . . . ] The imagined community has been so constrained; fellow feelings and loyalty have been contained. Nationalism has been internally exclusive—for instance, according to cleavages of ethnicity, race, gender, class, or religion. (Marx 24f.)
Exklusionsmechanismen und ihre Folgen spielen in beiden Romanen eine zentrale Rolle, so stellt sich beispielsweise die Erzählerin von Maman vor, wie ihre Mutter trotz der Adoption in eine gutbürgerliche Familie bereits als Schulkind die Erfahrung macht „ganz anders [ . . . ] als die anderen“ zu sein und „zu keiner Klasse, zu keiner Schule, zu keiner Gemeinschaft“ dazuzugehören (Schenk 66). Weiter reflektieren beide Erzählfiguren den Umstand, dass Verfahren des Ausschlusses und der Marginalisierung ebenfalls herkömmliche Praktiken der Dokumentation von familialer und nationaler Geschichte mitprägen—und somit auch die daraus entstehenden Selbstbilder der Familie bzw. der Nation. So fällt beispielsweise dem Ich bei l’Horizon beim Studieren zweier ihm vorgesetzter Stammbäume auf, „dass es ja gar nicht DIE Linie meines Blutes ist. Das heißt, es ist nur die Hälfte. Der Faden der Männer“ (l’Horizon 172). Beide Erzählfiguren verfolgen Verwandtschaftsspuren, die in patrilinearen Stammbäumen und in der androzentrischen Geschichtsschreibung unsichtbar bleiben und konzipieren in poetologischen Reflexionen das eigene Erzählen als eine kreativ-spekulative Arbeit an Leerstellen der formalisierten Familien- und Nationengeschichtsschreibung. Dabei legt Schenks Erzählerin immer wieder ihre eigene Unzuverlässigkeit offen (vgl. Schenk 9f.), während l‘Horizons Erzählfigur vielmehr das „[W]egdreh[en] [W]egquengel[n] [W]egqueer[en]“ (l’Horizon 155) von linearen Erzählformaten thematisiert und selbstreflexiv vorführt. Dass ein derartiges ‚Wegqueeren‘ alternative Formen der Annäherung an die Geschichte sowohl der eigenen Familie als auch der europäischen Nationalstaaten ermöglicht, geht aus einem Kapitel von Blutbuch hervor, in dem sich die Erzählfigur mit einem von der Mutter zusammengestellten Archiv auseinandersetzt, das Verwandtschaftsbeziehungen auf der Seite der Mutter vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachzeichnet. Hier wird Verwandtschaft nicht mit Eheschließung und biologischer Reproduktion gleichgesetzt, sondern als eine durch Praktiken der Fürsorge generierte Beziehung gedacht (siehe Butler 14), und so gehören unter anderem homosexuelle Liebesbeziehungen, Frauenfreundschaften und Pflegeelternschaft zu den dokumentierten Verwandtschaften. Im Akt der Erforschung der (Queerness der) eigenen Familiengeschichte wendet sich Blutbuch somit, wie Javier Samper Vendrell überzeugend argumentiert, gegen Halberstams Annahme, queer studies müssten Familie in der Theoretisierung von Gender, Sexualität und Gemeinschaft vergessen (Samper Vendrell 611), und erkundet stattdessen alternative Formen genealogischen Denkens.
Im Hinblick auf die in diesem Artikel zentrale Parallele zwischen Familie und Nation lässt sich abschließend festhalten, dass sowohl Schenks als auch de l’Horizons Roman die jeweilige Familiengeschichte zwar in einen spezifischen nationalstaatlichen Kontext—Frankreich bei Schenk, die deutschsprachige Schweiz bei l’Horizon—einbetten, zugleich jedoch auch deren transnationale Dimensionen betonen. So dehnen sich die in Blutbuch kartierten Verwandtschaftsbeziehungen „von der Innerschweiz über Deutschland bis nach Florenz und Kuba“ (l’Horizon 193) aus. Auch bei Schenk wirft das narrative Nachverfolgen möglicher (Neben-)Spuren der Familiengeschichte—insbesondere eines vermuteten Seitensprungs der Mutter mit einem deutschen Kommandanten (vgl. Schenk 161)—Licht auf Fragen nationaler Zugehörigkeit und auf die Verschränkung von Familie und Nation, die im Zentrum meiner Analyse von Dröschers Roman stehen.
II. Analyse
1 Erzählen, Intertextualität und Intermedialität
Im oben umrissenen Kontext kann Dröschers Lügen über meine Mutter verortet werden, in dem eine durch ständige Ehekonflikte geprägte Kindheit in Rheinland-Pfalz in den 1980er Jahren dargestellt wird.8 Die Narration in den vier jeweils ein Jahr darstellenden Kapiteln pendelt zwischen längere, aus der Sicht des Kindes in der Ich-Form im Präteritum erzählte Passagen über den Familienalltag, und dazwischengeschobene, kurze Abschnitte, in denen die erwachsene Erzählerin, ebenfalls in der ersten Person, aber im Präsens, das Erzählte rückblickend reflektiert und zeitweise unter Einbezug theoretischer Texte und Konzepte kontextualisiert.9 In Letzteren kommt es wie bei den anderen oben beschriebenen Romanen wiederholt zu Überlegungen über den Schreibprozess, und zeitweise werden in der Schreibgegenwart stattfindende Gespräche mit der Mutter wiedergegeben, sodass eine fiktionalisierte Version von ihr in den Erzählprozess einbezogen wird (vgl. 6).
Die Bezeichnung „Roman“ auf dem Cover unterstreicht die Bedeutung fiktionalisierender Verfahren, aber ähnlich wie l’Horizons Blutbuch und Schenks Maman weist Lügen über meine Mutter deutliche autosoziobiographische Züge auf: Zahlreiche Bezüge zwischen der erwachsenen Ich-Erzählerin und der Autorin sind erkennbar (u.a. Alter, geographische Herkunft und Beruf) und die bis zur wortwörtlichen Übernahme von Sätzen und Formulierungen reichenden Parallelen mit Daniela Dröschers Zeige deine Klasse, in dem sich die Autorin ihrer eigenen Kindheit aus soziologischer Perspektive annähert, sind auffällig, worauf Ostermoor in ihrer Analyse näher eingeht („Stolperstein“ 301f.). Ausgesprochenes Ziel des Romans ist es, jenseits der vielen in der Familie kursierenden Geheimnisse und Lügen zu einer „subjektive[n] Wahrheit“ (7) zu gelangen, wozu es ihr zufolge einer Verwandlung der Eltern in literarische Figuren und „eine[r] Geschichte mit viel Schminke, blonden Perücken, Trapez und doppeltem Boden. Eine[r] in vielerlei Hinsicht absolut fiktive[n] Geschichte“ (7) bedarf. Dieses die Zuverlässigkeit der Erzählerin grundsätzlich in Frage stellende Verfahren unterstreicht auch der Titel, auf dessen Mehrdeutigkeit Rezensent:innen bereits hingewiesen haben (siehe Porombka unpag.), und so gibt die erwachsene Ich-Erzählerin ein Gespräch mit der Mutter wieder, in dem sie drohend ankündigt, die Geschichte zusammenlügen zu müssen, wenn die Mutter „nicht endlich rede[]t“, woraufhin diese entgegnet: „ ‚Nur zu. Das ist ja dein Beruf.‘ “ (6).
Auch mittels intertextueller Verweise werden Fiktion und das Erdichten, oder, in Emily Dickinsons Worten, „[S]chräg [S]agen, [U]mkreisen“ von Wahrheit bei Dröscher betont ([9]). Das Lügen zieht sich leitmotivisch durch den Roman und wird einerseits, wenn es bei den Eltern vorkommt, kritisiert, andererseits aber auch, wie oben gezeigt, von der Erzählerin selbst instrumentalisiert. Auch andere zentrale Themen werden durch intertextuelle und intermediale Hinweise akzentuiert, auf die hier aus Platzgründen nur exemplarisch eingegangen werden kann: So beleuchtet etwa der Verweis auf Handkes Wunschloses Unglück (398) Topoi wie Ehe, Familie und Mutterschaft; während Genderstereotype unter anderem durch die Anspielung auf James Bond (261) in den Vordergrund treten. Konsum und Kapitalismus bilden ein weiteres Leitmotiv, das beispielsweise durch die Bezugnahme auf Chaplins Goldrausch (115f.) aktualisiert wird. Neben den genannten intertextuellen und intermedialen Verweisen greift der Roman auf populärkulturelle Erfolgserscheinungen der dargestellten Zeitperiode zurück—etwa die Fernsehserie Dallas (169) und den Hit You‘re in the Army Now (339), die zusammen mit der Erwähnung von Sportevents, hervorstechenden Ereignissen, bekannten Persönlichkeiten (Steffi Graf, Helmut Kohl), sowie amerikanischen und deutschen Wirtschaftserfolgen (vgl. z. B. Weight Watchers, 186) dazu beitragen, einen spezifischen Zeitgeist der Bundesrepublik der 1980er Jahre zu evozieren.
2 Familie zwischen Ideal, Ideologie und Realität
Dröschers Roman ist im dörflichen Milieu angesiedelt und die Familie spiegelt in der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau eine Gesellschaft wider, in der ein traditionelles Familienbild dominiert.10 Der Vater ist bestrebt, das Idealbild der patriarchalen Kernfamilie zu verwirklichen, aber Realität und Idealbild divergieren, unter anderem, da seine Frau wegen seines begrenzten beruflichen Erfolgs lange als Mitverdienerin benötigt wird. Ab der zweiten Schwangerschaft lässt sich ihre Berufstätigkeit jedoch nicht mehr mit den Pflichten der Mutter und Ehefrau vereinen: Obwohl sie „lieber weiter gearbeitet [hätte]“, war dies „vom Gesetzgeber verboten“, und so sorgte „[d]er Mutterschutz [ . . . ] dafür, dass sie weiterhin Geld bekam, auch ohne zu arbeiten“ (127f.; Herv. i. O.). Ähnlich wie oben im Hinblick auf die Romane von l’Horizon und Schenk festgestellt, werden somit auch hier staatliche Maßnahmen, um die Kernfamilie zu fördern kritisch beleuchtet. Die erwachsene Erzählerin konstatiert, dass die Mutter nach der Geburt des zweiten Kindes „gar nicht mehr in so etwas wie ein Berufsleben zurück[fand], von Nebenjobs abgesehen“ (182f.), und kehrt im Erzählen wiederholt zur Frage zurück, wie es ist, „sich in seinen Wünschen und Bedürfnissen permanent zurückzunehmen. Im Namen der F A M I L I E“ (203; Herv. i. O.), wobei—ähnlich wie in Blutbuch—die Frage nach dem eigenen Anteil an dem Unglück der Mutter aufgeworfen wird, an abgebrochenen Bildungs- und Berufswegen und anderen Aufopferungen im Namen der Mutterschaft (vgl. Dröscher 183, l’Horizon 9f.). In beiden Romanen kommt es in diesem Kontext seitens der Kinder zu Schuldgefühlen,11 und das Schreiben wird als eine Form der zusätzlichen „Ausbeutung“ (Dröscher 422) von bereits exploitierten Figuren inszeniert, um selbst durch bürgerliche Aufstiegsideale bedingte Ziele wie ökonomischen Erfolg und literarisches Ansehen zu erreichen. So wird etwa das narrative ‚Ausbeuten‘ familialer Traumata von l’Horizons Erzählfigur betrachtet als „the most efficient way [ . . . ] to climb up the ladder. Literature is—apart from being a bourgeois branch of art—one of the few capitalist games where my hypersensitivity and fear are useful“ (l’Horizon 283f.). Parallel hierzu beobachtet Ostermoor mit Blick auf die Verwendung von Redewendungen bei Dröscher „eine spezielle Ästhetik des klassenübergreifenden Erzählens“ („Stolperstein“ 302), die den sozialen Aufstieg der Ich-Erzählerin literarisch reflektiert.
Auch in der Darstellung des Vaters macht die bürgerliche Aufstiegsnorm ein zentrales Element aus. Die erwachsene Erzählerin beschreibt das Selbstbild ihres Vaters als das eines „Self-made-man“ (278), ein Ideal, das sie als das kapitalistische Pendant zum kommunistischen ‚Helden der Arbeit‘ betrachtet, aber im Unterschied zu diesem mit der Überzeugung verbindet, „alles aus eigener Kraft geschafft zu haben. Durch eine Mischung aus Talent, Fleiß, Geschick und allenfalls noch etwas Glück“ (278; Herv. i. O.). Dieses Selbstbild wird im Roman dekonstruiert, indem die Ausbeutung der Frau im Haushalt als eine Voraussetzung dieses „Leistungsmärchen[s]“ (279) in den Fokus rückt. Dabei verlinkt die narrative Darstellung der Ideologie des Self-made-man das Mikrokosmos der Familie mit dem Makrokosmos der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die der Erzählerin zufolge „ohne diese Ideologie nicht zu denken [ist]. Wiederaufbau, Wohlstand, Wirtschaftswunder. Schuften, Sparen, Emporkommen. In diesem Höher schneller weiter ist mein Vater aufgewachsen“ (278; Herv. i. O.). Fortschritt und Wohlstand bilden so ein zentrales Leitmotiv, und die 1980er werden als eine Periode geschildert, in der Menschen über mehr „Zeit, Geld und Konsumgüter verfüg[en]“ als je zuvor (278).12
Die Erzählerin assoziiert weiter das Ideal des Self-made-man mit der „Psychologie des soldatischen, ‚gepanzerten‘ Mannes, der koste was wolle, Grenzen um sich zieht und behauptet“ (279). Für den Vater sind Maß und Disziplin zentrale Werte, insbesondere in der Kommunikation mit seiner Frau, die er ständig dazu bewegen will, ihr Gewicht zu kontrollieren (vgl. z. B. 109). Der Begriff des Panzers bezeichnet in Klaus Theweleits Arbeit zu Selbst-, Welt- und Fremdbildern deutscher Freikorps Verfahren der Disziplinierung, Triebunterdrückung und Selbstkontrolle, die Theweleit—mit Hinweis auf Norbert Elias‘ Überlegungen zu Wechselwirkungen von Affektregulation auf der Ebene des Individuums mit dem Prozess der Herausbildung moderner Staaten—als konstitutiv für sowohl das Individuum als auch den Nationalstaat betrachtet (siehe Theweleit 379ff.). Dröschers Roman greift damit auf traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zurück, bei denen Männlichkeit mit Grenzziehung sowie mit (vermeintlicher) Unabhängigkeit und Souveränität assoziiert wird, während die Darstellung des Körpers der Mutter und insbesondere die ständigen Vorwürfe des Vaters, seine Frau kenne „kein Maß“ (6), stereotypen Vorstellungen des weiblichen Körpers als unförmlich, ausufernd und in Abhängigkeitsverhältnisse eingebunden entspricht.13
Wie oben angedeutet, umfasst die Darstellung des Vaters jedoch auch Risse, sodass Lügen über meine Mutter nicht nur eine unglückliche Hausfrau, sondern auch einen mit sich selbst hadernden Ehemann porträtiert. Seine Unzufriedenheit betrifft besonders seine Karriere, denn trotz seiner Leidenschaft für das „Konstruieren, das Errechnen von Drehzahlen, das Lösen komplizierter mathematischer Gleichungen“ (28) bleibt der berufliche Aufstieg aus, sodass die Firma „ein Quell fortlaufender Unzufriedenheit“ (32) ausmacht. Das Divergieren von Ideal und Realität veranlasst den Vater nicht dazu, seine Vorstellung der Kernfamilie kritisch zu hinterfragen, sondern er versucht vielmehr, die Realität so zu manipulieren, dass sie seinem Idealbild ein Stück näherkommt. Vor allem betreffen diese Bemühungen seine Frau, die er immerfort zu mehr Selbstdisziplin anhalten will, sowie das Wohngebäude, an dem mithilfe jugoslawischer Bauarbeiter Renovierungsarbeiten ausgeführt werden (vgl. 166). Als ‚renovierungsbedürftige‘ Objekte werden so Frau und Haus gewissermaßen parallelisiert, wobei die Unzufriedenheit mit der Eigenwelt und der Drang des Vaters zur Veränderung zugleich auch metonymisch auf gesellschaftliche Stimmungen verweisen.14
So kommt es im Roman sowohl zu einer expliziten Rückführung von Verhaltensweisen und Strukturen innerhalb der Familie auf normative Vorstellungen und politische Regelungen des Familienlebens in der Bundesrepublik durch die erwachsene Ich-Erzählerin als auch zu oben exemplarisch beleuchteten Verfahren der Versinnbildlichung und des impliziten Mitverstehens, wodurch die Familie als pars pro toto der Bundesrepublik der 1980er Jahre erscheint. Als Familie und Gesellschaft zugleich prägendes Ideal rückt der Roman dabei immer wieder die im nächsten Abschnitt zu untersuchende Kultur des ‚Höher, schneller, weiter‘ in den Vordergrund, wobei zugleich auf Widersprüche und Ängste verwiesen wird, die die familiale und nationale Gemeinschaft ebenfalls mitprägen.
3 Wirtschaftswunder, Kalter Krieg und German Angst
Während auch Blutbuch und Maman, wie oben gezeigt wurde, Bezüge auf außerfiktionale Ereignisse und geopolitische Entwicklungen in das Erzählen integrieren und so die Geformtheit des Familialen durch gesellschaftliche Prozesse beleuchten, fällt im Hinblick auf Lügen über meine Mutter auf, dass solche Bezüge besonders häufig vorkommen und ein zentrales Werkzeug der Metonymisierung ausmachen. Dröschers Roman ist durchzogen von zahlreichen Verweisen auf die westdeutsche Gesellschaft der 1980er Jahre prägende Entwicklungen, Ereignisse und Tendenzen, welche dazu beitragen, einen zwischen blindem Fortschrittsoptimismus, Selbstverehrung und Ängstlichkeit schwankenden Zeitgeist anhand der Darstellung der Familie der Protagonistin heraufzubeschwören. So wird etwa, als der Vater seine Ersparnisse in Aktien investiert, vor allem auf deutsche Marken gesetzt: „Firmen wie AEG, Daimler, Bayer, Siemens, Porsche, Nixdorf, Henkel, Springer, Hugo Boss waren bereits an der Börse, andere wie COOP, Viag, Deutsche Pfandbrief-anstalt, DSL Bank und Prakla-Seismos würden nachfolgen, prophezeite er“ (349). In der Überzeugung lebend, dass es „kein technisches Versagen [gibt]. Nur menschliches“ (87) verkörpert der Vater den Technik-Glauben und Fortschrittsoptimismus seiner Zeit und eine Haltung, die weder Vorsicht noch Rückschau—etwa auf die Geschichte, die den Erfolg der genannten Firmen mitbedingt—zulässt. Im Zusammenhang mit der Darstellung einer Geschäftsreise des Vaters nach China 1984—also im Jahr, in dem Helmut Kohl China besuchte, um wirtschaftliche Kooperation und Technologietransfer in die Volksrepublik zu diskutieren— thematisiert der Roman den Export von „Fernsehgeräte[n], Computer[n], Roboter[n] und andere[n] technische[n] Wunder[n] aus dem Westen“ (147; Herv. i. O.) zu dieser Zeit und reflektiert dabei auch die Tendenz, über den Mangel an Demokratie hinwegzusehen, wenn lukrative Geschäfte in Aussicht stehen. So legt sich der Vater vor der Reise ein positives Chinabild zurecht, indem er beteuert, dass das Land „die einzige Großmacht [ist], die niemals Kolonialmacht gewesen ist“ (148) und weiter über Xiaoping und den ‚reformierten Kommunismus‘ behauptet, Xiaoping wolle Wohlstand für alle (vgl. 149).
Zugleich personifiziert der Vater jedoch auch eine zeittypische Ängstlichkeit: Die Boeing-Abstürze in Angola und Spanien machen ihm Angst (vgl. 87), und nach der Tschernobyl-Katastrophe ist er „zutiefst beunruhigt von den Ereignissen und der kriminellen Informationspolitik der UdSSR“ (355; Herv. i. O.). Auch die weltpolitische Polarisierung sorgt für Unruhe und Angst vor möglichen Katastrophen, und so wird die angespannte Stimmung in der Familie wiederholt mit dem Kalten Krieg verglichen: „Nun hatte ich also zwei Elternteile, die schwiegen. Es war wie im Kalten Krieg, nur dass ich keine Ahnung hatte, wer von beiden jetzt der OSTBLOCK war“ (98f.; Herv. i. O.). Das sich leitmotivisch durch den Roman ziehende Schweigen wird einerseits, wie hier, als Strategie genutzt, um den Ausbruch latenter Konflikte zu verhindern, andererseits auch, um der Berührung mit traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit zu entgehen (vgl. 193).
So wird in Lügen über meine Mutter ein Zeitgeist suggeriert, der sowohl von Technikglauben und dem Feiern der deutschen Wirtschaft geprägt ist, als auch von der Angst vor Technikversagen, Kriegsausbruch und der Berührung mit einer traumatischen Vergangenheit. Diese Stimmung wird am deutlichsten in der Darstellung des Vaters sichtbar, dessen Haltung die erwachsene Ich-Erzählerin mit der sogenannten „German Angst“ (364; Herv. i. O.) assoziiert. Unsicherheit und Besorgnis bilden, wie Frank Biess darlegt, ein häufig vorkommender Bestandteil westdeutscher Selbst-Diagnosen, besonders in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, wo Erfahrungen von Faschismus, Krieg und totaler Niederlage „made postwar Germany‘s reflection on itself more pronounced than that of other modern political nations“ (2). In Anlehnung an den westdeutschen Historiker Hans-Peter Schwarz (1990) notiert Biess, dass zeitgenössische Beobachter von den 1940er bis in die 1980er Jahre „identified time and again a specific German fear as part of postwar political culture“ (2), und betrachtet diesen selbstreferentiellen Diskurs als Ausdruck einer weit verbreiteten und in Erfahrungen aus der nahen Vergangenheit begründeten Verunsicherung (13f.).
In der Darstellung der Tante der Ich-Erzählerin väterlicherseits kommt eine weitere Haltung im Hinblick auf die politische und technische Entwicklung der Zeit und eine weitere Unstimmigkeit in der Familie zum Ausdruck: Tante Lu ist nicht nur „sehr streng, wenn es um Frauenfragen“ (117) geht, sondern nimmt auch an Protestaktionen gegen amerikanische Raketenstationen und geplante Reaktoren in der Region teil und organisiert nach Tschernobyl Kinderrettungsaktionen mit (vgl. 357ff.). So ermöglicht es die eingangs hervorgehobene Strategie der Verwandlung von Familienmitgliedern in literarische Figuren, Spaltungen sowohl innerhalb einzelner Figuren (wie dem Vater) als auch zwischen ihnen bloßzulegen, um die dargestellte Periode prägende Konflikte zum Ausdruck zu bringen, wobei die Bemühungen des Vaters, trotz innerer Unstimmigkeiten nach außen hin eine Fassade des Konsenses aufrechtzuerhalten ebenfalls in das Zeitporträt hineinfließen.
Im Zusammenhang mit dem Streben nach Eintracht in Dröschers Roman steht die Darstellung von Verfahren der Unterdrückung des Unstimmigen und der Marginalisierung des ‚Anderen‘. So ist für die vorliegende Analyse auch ein anderes von Biess im Diskurs der German Angst beobachtetes Muster relevant; die Praxis, Konsens durch Angst vor und Ausschluss von einem Gestalt wechselnden ‚Anderen‘ herzustellen: „[T]he precise nature of the other as a fear object varied—from displaced persons to recruiters for the Foreign Legion, to subversive Communists, to terrorist sympathizers, to Turkish guest workers“ (3). Lügen über meine Mutter zeichnet so im Porträt einer Familie in der Provinz zugleich das Bild einer von Fremdenangst geprägten Gesellschaft, in der nicht nur die maßgeblich zum deutschen Wirtschaftswunder beitragenden Gastarbeiter:innen mit Fremdenhass konfrontiert werden, sondern auch die zahlreichen aus ihrer Heimat geflohenen oder vertriebenen Schlesiendeutschen, zu denen die Mutter der Ich-Erzählerin und ihre Eltern gehören. Solche Mechanismen der Exklusion bilden, wie oben mit Blick auf Blutbuch und Maman herausgearbeitet wurde, ein in Prozessen familialer und nationaler Selbstherstellung wiederkehrendes Muster, auf das ich im Folgenden eingehen werde.
4 Die Marginalisierung des Anderen
Neben dem Vater, der Mutter und den zwei Töchtern treten auch die Großeltern der Ich-Erzählerin in Lügen über meine Mutter als Figuren auf, wobei die Unterschiede zwischen den zwei Großelternpaaren hervorstechen. Während die Familie des Vaters aus dem Dorf stammt, hat die Mutter schlesischen Hintergrund und ist nach dem Krieg als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Als schlesiendeutsche Eingewanderte sind die Mutter und ihre Eltern doppelt ausgegrenzt, da sie weder im Herkunftsland noch in der Empfängergesellschaft als zugehörig gelten. Dieser Umstand kommt unter anderem in Reflexionen der erwachsenen Erzählerin über den Sprachgebrauch der Mutter zum Ausdruck, die einerseits „[a]ls Angehörige einer Minderheit [ . . . ] mit einem Sprachverbot aufgewachsen“ ist (174), und andererseits seit der Ankunft in der Bundesrepublik Hochdeutsch redet, um eine Stigmatisierung vorzubeugen—ein Tarnungsverfahren, das sie in der dialektal dominierten rheinland-pfälzischen Provinz wiederum als Fremde bloßstellt (vgl. 174). Den Großeltern ist dahingegen ihre schlesiendeutsche Herkunft deutlich anzuhören, etwa in dem „gerollte[n] schlesische[n] ‚rrrrr‘ “, das in den Ohren des Kindes „wie ein zartes ungefährliches Donnergrollen“ klingt (100). Bereits als Kind lernt die Ich-Erzählerin in einem limboartigen Dazwischen verschiedener sprachlicher Einflüsse zu navigieren, etwa indem von ihr verlangt wird, dass sie ihre Puppe Iwona in der Öffentlichkeit „Yvonne“ nennt (17); und sie entwickelt ein feines Gespür für unterschiedliche Formen der (Nicht-)Beheimatung in den Varietäten der deutschen Sprache: So klingt es etwa in den Ohren der Tochter falsch, wenn ihre Mutter im Wissen darum, „dass Sprache die Währung ist, die über Zugehörigkeit entscheidet“ (174), versucht den lokalen Dialekt zu sprechen. Damit knüpft Dröschers Roman an die im Nationendiskurs immer wieder auftretende Tendenz an, Nationenzugehörigkeit aus sprachlicher Zugehörigkeit und Identität abzuleiten, und reflektiert zugleich anhand des Beispiels des Schlesiendeutschen—wie Blutbuch im Hinblick auf das Bernerdeutsche als „Meersprache“ des erzählenden Ich (l’Horizon 17) und Maman im Kontext der Zweisprachigkeit der Ich-Erzählerin (vgl. Schenk 31)—deren Begrenzungen.
Mehrere aus der Perspektive des Kindes erzählte Passagen kreisen um das Schlesische als ‚Störfaktor‘ im Familienleben und um die Stereotype, die die Sicht der Großeltern väterlicherseits auf ihre Schwiegertochter und deren Eltern prägen. So betrachten sie etwa das seit der Ankunft in Deutschland erarbeitete Kapital des Großvaters mütterlicherseits als etwas, was er als Bergmann „unmöglich mit ‚ehrlicher Arbeit‘ erwirtschaftet haben“ könne (234). Die erwachsene Erzählerin verbindet diese Vorurteile mit einer breiteren Haltung gegenüber den zahlreichen schlesiendeutschen Migrant:innen in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit: So habe „[k]aum einer in diesem Nachkriegsdeutschland“ den Großvater „als jemanden, der selbstverständlich hierhergehörte“ akzeptiert, obwohl er im Krieg für Deutschland gekämpft und „den Krieg und die russische Gefangenschaft nur knapp überlebt“ hat (105). Weiterhin wird der Verdacht gegenüber der Familie der Mutter mit dem in der NS-Zeit verbreiteten Fremdbild des „slawische[n] Untermensch[en]“ in Verbindung gebracht (272), den es durch die Germanisierung des Ostens zu beseitigen galt, sowie mit dem „in den westdeutschen 1970er- und 1980er-Jahren [ . . . ] vorherrschende[n] Klischee des polnischen Schlitzohrs“ (272). So werden innerfamiliäre Marginalisierungsprozesse explizit mit für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft konstitutiven Exklusionsmechanismen verknüpft, was eine weitere Parallele zu den eingangs skizzierten, in anderen nationalen Kontexten verorteten Romanen erkennen lässt. Lügen über meine Mutter zeigt so eine Logik der nationalen Selbstherstellung auf, in der das Fremde—als jenes „Symptom“, das „das ‚wir‘ problematisch, vielleicht sogar unmöglich macht“ (Kristeva 11)—ausgegrenzt werden muss, um sozialen Zusammenhalt zu erzeugen.
Fragen der Zugehörigkeit zu einem national(staatlich)en ‚Wir‘ werden weiter durch wiederkehrende Verweise auf die Staatsgewalt, das Gesetz, die Polizei (vgl. 21) und bundesdeutsche sowie regionale Ämter (vgl. 436) aufgeworfen, etwa als die Mutter wegen Diebstahls verklagt wird und sich durch sorgfältige Lektüre des Bürgerlichen Gesetzbuchs auf die Gerichtsverhandlungen vorbereitet, als müsste sie „dieses Deutschland, das sie und ihre Eltern zu Leuten ‚von auswärts‘ erklärte, höchstpersönlich in die Schranken weisen“ (184). Der im Handeln der Mutter zum Ausdruck kommende „nahezu [u]nheimliche[]“ Glaube „an das deutsche Rechtssystem“ (184) kann sie jedoch nicht vor den „eigenen Gesetze[n]“ des Dorfes retten, und daran, dass bald „jeder Bescheid [wusste], darüber, dass man meine Mutter des Diebstahls verdächtigte“ (185) wird erkennbar, dass es nicht immer entscheidend ist, ob jemand im Sinne des Gesetzbuches eine „brave Bürgerin“ (208) ist oder nicht, weil das Aushandeln von Schuld und (Nicht-)Zugehörigkeit über andere Parameter geschieht.
Neben den im Roman dargestellten familiären und dörflichen Gemeinschaften, die durch ein Streben nach Eintracht und Mechanismen der Exklusion und der Marginalisierung geformt sind, deuten sich zugleich alternative Formen von Zusammengehörigkeit an: So vermutet die Tochter ein stilles Bündnis zwischen der Mutter und dem türkischen Partner der Nachbarin, der von der Großmutter väterlicherseits konsequent „Ahli“ (155) genannt und gelegentlich als „faula Kanak“ (172) beschimpft wird: „Er war auch von auswärts, wie sie selbst, und die beiden schienen dadurch wie miteinander verbunden. Wie eine geheime Linie, die direkt von Herz zu Herz führte“ (133; Herv. i. O.). Ilay und die Mutter unterstützen sich gegenseitig; aber auch im Umgang mit anderen Figuren, insbesondere dem Nachbarkind Jessy, verkörpert die Mutter eine Haltung der beinahe maßlosen Fürsorge über die Grenzen der Kernfamilie hinweg. Die von den anderen Kindern als „[a]sozial“ (121) geschmähte Jessy ist die Tochter eines ehemals im Dorf stationierten amerikanischen GI, und nimmt somit, ähnlich wie die in Schenks Maman dargestellte, bei Pflege- und Adoptiveltern aufgewachsene Großmutter, selbst eine marginalisierte Position ein. Seit der Einweisung von Jessys Mutter in die Psychiatrie lebt sie offiziell bei ihrer Tante, verbringt jedoch den Großteil ihrer Zeit bei der hier im Vordergrund stehenden Familie. Diese informelle Integration wird vom Vater kritisch betrachtet, der Jessys Situation als „fremder Leute Angelegenheiten“ (320; Herv. i. O.) abwertet. Durch Figuren wie die Mutter und ihre Eltern, Ilay und Jessy reflektiert Dröschers Roman Dynamiken der Exklusion und der Marginalisierung sowohl auf familialer als auch auf nationaler Ebene und deutet aber zugleich—wie auch Blutbuch und Maman—alternative Formen von Gemeinschaft und Praktiken der Fürsorge (siehe Butler 14) jenseits der biogenetisch bestimmten Kernfamilie hinweg an.
5 Fernsehen, Populärkultur und Sport als Mittel nationaler Selbstherstellung
Die oben genannten realen Ereignisse und Entwicklungen der 1980er Jahre finden oft ihren Eingang in das Familienleben mediiert durch den Fernseher, dessen Rolle als zu dieser Zeit in jedem Wohnzimmer vorzufindender Mitproduzent gegenderter nationaler Selbstbilder in Dröschers Roman reflektiert wird, etwa durch Hinweise der kindlichen Ich-Erzählerin auf die „Männer in der Tagesschau“ und ihr „besonders korrektes Hochdeutsch“ (121). Zu den im ersten Programm laufenden Sendungen gehört Edgar Reitz‘ unweit des dargestellten Dorfs gedrehter Film Heimat, dessen elf Episoden für die Marginalisierung jüdischer Schicksale und Ausblendung des Holocaust kritisiert worden sind und folglich von Santner als symptomatisch betrachtet werden für „a political unconscious attempting to undo, by various strategies of respecularization, the complexities that make the use of the first person plural—that make saying ‚we‘—in post-Holocaust, postmodern Germany such an ambivalent and ambiguous experience“ (89f.). Im Zusammenhang mit dem Fernsehen wird darüber hinaus das bereits angesprochene Leitmotiv der Amerikanisierung als die westdeutsche Kultur massiv mitprägender Faktor reflektiert, unter anderem durch die wiederkehrenden Bezüge auf Dallas (vgl. 169). Das Fernsehen gilt zu dieser Zeit als Inbegriff von Modernität und erhöhtem Lebensstandard (siehe Anderson und Chakars 1) und vermittelt neben Nachrichten auch Normen, wobei dem Kind der Symbolwert der Sendungen nicht selten verschlossen bleibt, wie aus der folgenden Passage über die deutsch-französische Gedenkfeier in Verdun 1984 hervorgeht:
Im Fernsehen lief die Tagesschau. Man sah Kanzler Kohl, der auf einem Friedhof einen Kranz niederlegte. Die Kamera, offenbar ebenfalls fasziniert von dem Anblick, zeigte in Nahaufnahme das massive deutsche Staatsoberhaupt neben dem kleinen zierlichen französischen Präsidenten. Zu allem Überdruss hielten die beiden Männer einander auch noch an den ungleichen Händen.
„Was machen die da?“, wollte ich wissen.
Anstelle einer Antwort nahm mein Vater die Fernbedienung und schaltete aus. (227)
Der Bezug auf Verdun und die mediale Darstellung national bedeutsamer Ereignisse stellt eine Parallele zu Schenks Maman her, wo ebenfalls die formative Funktion der Medien für nationale Selbstbilder thematisiert wird—dort jedoch anhand der Tagespresse (siehe Schenk 17). Die Passage veranschaulicht exemplarisch die Fernsehausstrahlung nationaler Feierlichkeiten und die Inszenierung von Staatsoberhäuptern, um die Selbstpositionierung moderner Staaten zu fördern und einen Eindruck nationaler Stabilität zu vermitteln.15 Die vielen Bezüge auf den Rheinland-Pfalz-stämmigen Kanzler im Roman sind besonders interessant im Hinblick auf Kohls Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit, die in zeitgeschichtlicher Forschung mit dem nationalistisch geprägten Streben nach einer ‚Normalisierung‘ und Rehabilitation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht wird. So stellt Christian Wicke fest, dass Kohl „nurtured an image of himself as analogical to the nature of the German nation. He presented his own life as that of an ideal German: Christian, Western, European, rooted in local traditions, conscious of Germany’s glorious past and free from any Nazi guilt.“ (208).
Im Kontext des Fernsehens wird im Roman weiter die gemeinschaftsstiftende Funktion sowie das mobilisierende Potenzial der Austragung von Bundesliga-Spielen, Weltmeisterschaften und Tennis-Turnieren thematisiert, die es modernen Nationalstaaten ermöglichen, „to flex their symbolic muscle“ und durch geteilte Erfahrungen nationalen Zusammenhalt zu stärken (Lechner 399f.). So wird etwa dargestellt, wie nach Boris Beckers Wimbledon-Sieg 1985
das Tennis-Fieber in Obach ausgebrochen [war]. [ . . . ] [D]ie Zeitungen und das Fernsehen waren voll von dem aufregenden neuen Sport. Überall im Land wurden Tennisvereine gegründet, alle träumten von einem zweiten Wunderkind, und Obach ging mit dieser Mode. Gleich neben dem Sportplatz sollte ein Tennisplatz gebaut werden, und da mein Vater Mitglied im Sportverein war, half er tatkräftig mit. Meine Mutter wunderte sich, dass mein Vater gerade nichts Besseres zu tun hatte.
„So ist das in einem Dorf. Dass man sich einbringt. in die Gemeinschaft“, gab er ihr schnippisch zur Antwort. (276f.)
Durch das Nennen deutscher Sportstars wie Boris Becker und Steffi Graf (vgl. 374) illustriert der Roman die Funktion von Sportler:innen als Identifikationsfiguren sowie die Konvergenz von Sportlichkeits- und Gendernormen in der dargestellten Gesellschaft. Während das „Tennis-Fieber“ in der obigen Passage mit Modernität und hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven verbunden wird, erfährt der Fitness- und Sportlichkeitskult der Bundesrepublik der 1980er Jahre im Roman zugleich eine historische Kontextualisierung, indem die erwachsene Ich-Erzählerin die dem Körperideal des Vaters—als „eines Nachkriegskindes“—zugrunde liegenden Ambivalenzen reflektiert, etwa die widersprüchlichen Bedeutungen von Körperfülle: So galt das Dicke „[i]n der NS-Zeit [ . . . ] als das Dekadente und Faule, in der Welt der Bauern hingegen als großbäuerlich und luxuriös“ (164). Die Korpulenz und Schwere der Mutter in einer von Schlankheits- und Aufstiegsidealen dominierten Familie wird dabei zur Metapher für alles, was in die angestrebten Selbstbilder und dominanten nationalen Narrative nicht reinpasst.
III. Schlussbetrachtung
Dieser Artikel betrachtet Lügen über meine Mutter im Kontext anderer autofiktionaler und autosoziobiographischer Familienromane der Gegenwart, in denen die traditionelle Korrelation von Familie und Nation spielerisch aufgegriffen und über die Darstellung von Müttern und (Ur-)Großmüttern reflektiert wird. Als Folie des close reading von Dröschers Roman diente ein Kapitel, das Gemeinsamkeiten zweier paradigmatischer Werke dieser literarischen Tendenz herausarbeitet und diese mit einschlägigen Theorien zu Familie und Nation verknüpft, bevor im Hauptteil des Artikels vertiefend auf Lügen über meine Mutter eingegangen wurde.
Wie Blutbuch von Kim de l’Horizon und Maman von Sylvie Schenk kreist auch Dröschers Roman um eine weibliche Figur und deren Position innerhalb der patriarchalen Kernfamilie. Während l’Horizons und Schenks Romane genealogisch orientiert sind und über die Darstellung früherer Frauengenerationen neue Perspektiven auf die Geschichte europäischer Nationalstaaten eröffnen, richtet sich der Fokus von Dröschers Erzählerin weniger auf Ursprünge als vielmehr auf die eigene, enger gefasste Familienkonstellation. Der Roman funktionalisiert dabei den familiären Mikrokosmos—mit seinen Rollenangeboten, Machtverhältnissen, Ambitionen, Ängsten und Spannungen—als Medium einer metonymischen Darstellung der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1980er Jahre. Mit den genannten Erzählprojekten hat Dröschers Roman die ausgeprägte Reflexion über Sprache, Erzählen und Fiktion gemeinsam. Besonders hervorzuheben ist dabei in Lügen über meine Mutter der wiederholte Einsatz von Übertreibung und Zuspitzung als narrative Strategien, die der Veranschaulichung gesellschaftlicher Rollenbilder und Strukturen in der Bundesrepublik jener Zeit dienen.
Im narrativen Zusammenspiel der beiden Perspektiven—des Kindes und der erwachsenen Erzählerin—kristallisiert sich bei Dröscher das Bild einer durch ein traditionelles Familienideal und rigide Gendernormen dominierten Gesellschaft heraus, die einerseits optimistisch in die Zukunft blickt und technischen Fortschritt sowie Wirtschaftswachstum feiert, und andererseits durch komplex verflochtene Ängste und Traumata durchzogen ist. Dargestellt wird eine räumlich (rheinland-pfälzische Provinz) wie zeitlich (1983–1986) klar umrissene Geschichte, die jedoch als wesentlich durch weltpolitische Dynamiken sowie durch die deutsch-europäische Vergangenheit beeinflusst erscheint. Ähnlich wie bei l’Horizon und Schenk steht auch bei Dröscher ein spezifischer regionaler und national(staatlich)er Kontext im Vordergrund, wobei das Erzählen über familiäre Spuren—insbesondere über die schlesiendeutschen Großeltern—zugleich den konstruierten Charakter nationalstaatlicher Grenzziehungen sichtbar macht. Wie Blutbuch und Maman wirft auch Lügen über meine Mutter Licht auf die von Benedict Anderson hervorgehobene Bedeutung von Sprache, Literatur und Medien in Prozessen nationaler Selbstherstellung. Besonders hervorzuheben ist dabei die Funktion des Fernsehens, das bei Dröscher nicht nur als Symbol der Modernität erscheint, sondern auch als zentrales Medium der Normvermittlung sowie der Inszenierung und Ausstrahlung national bedeutsamer Ereignisse, Wettkämpfe und Persönlichkeiten—mit dem Ziel, kollektive Zugehörigkeitsgefühle zu stärken und national(staatliche) Selbstverortungen zu ermöglichen.
Die Figur der Mutter ist durch ihren gängigen Schönheits- und Normvorstellungen nicht entsprechenden Körper und ihre schlesische Herkunft doppelt als fremd markiert und wird im Roman zur Metapher für all das, was das Streben nach Aufstieg, Einheitlichkeit und Fortschritt erschwert. So stehen die Bemühungen des Vaters, um seine Ehefrau dem Idealbild näherzubringen symbolisch für eine Gesellschaft, die sich an ihren inneren Widersprüchen, Unstimmigkeiten und unverarbeiteten Traumata reibt. Im Verlauf des Erzählens werden jedoch nicht nur die Schattenseiten und Widersprüche des Strebens nach Fortschritt und Zusammenhalt offengelegt, sondern auch das Ideal des self-made-man dekonstruiert und als eine Illusion bloßgestellt, die nur durch das Unsichtbarmachen der Arbeit und Fürsorgeleistungen anderer aufrechterhalten werden kann. Dass bei Dröscher ein weibliches Schicksal den narrativen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit deutscher und europäischer Geschichte bildet, ist—entgegen der Deutung Porombkas (unpag.) als Interesse an ‚Frauengeschichte‘—vielmehr, wie auch bei l’Horizon und Schenk, als Hinweis auf die enge Verflechtung von Gendernormen und nationaler Identitätsbildung zu verstehen; also darauf, dass die Geschichte der europäischen Nationalstaaten an sich gegendert ist, und ohne die von Mosse und Yuval Davis herausgearbeiteten Wechselwirkungen zwischen Gender, Familie und Nation nicht zu verstehen ist.
Wie die eingangs vorgestellten Romane veranschaulicht auch Dröschers Lügen über meine Mutter durch die narrative Verknüpfung von Familie und Nation Strategien nationaler Selbstherstellung und -verortung. Dabei werden nicht nur normative Leitbilder und Idealvorstellungen kritisch hinterfragt, sondern auch jene Praktiken der Marginalisierung und Exklusion thematisiert, die—Marx zufolge—allen nationalistischen Projekten inhärent sind und sich gegen kulturell, ethnisch, sexuell oder anderweitig von der Norm abweichende Gruppen richten. In diesem Sinne greift Dröschers Roman Dimensionen und Dynamiken deutscher Geschichte auf, die im öffentlichen Selbstbild—insbesondere im dargestellten Zeitraum—weitgehend unsichtbar bleiben, und ergänzt damit ein sich als „natural, authentic, coherent and homogeneous“ präsentierendes ‚nationales Gedächtnis‘ (Huyssen 152), um eine perspektivische Vielfalt und ein kritisches Bewusstsein für die Spannungen, Ausschlüsse und Ambivalenzen, die die Geschichte der europäischen Nationalstaaten wesentlich mitprägen.
Footnotes
↵1 Auch in anderen Kontexten ist die Tendenz zur narrativen Verschränkung familialer und nationaler Gemeinschaft zu beobachten, so geht etwa Ariane Eichenberg in Familie—Ich—Nation: Narrative Analysen zeitgenössischer Generationenromane (2009) Verfahren der Verzahnung von Ich, Familie und Nation in der Väterliteratur (Grass, Johnson usw.) nach, wobei Genderfragen und Mutter- sowie Großmutterfiguren nur eine marginale Rolle spielen.
↵2 Als Beispiel kann hier das Einführen eines Abtreibungsverbotes in zahlreichen amerikanischen Staaten im Gefolge der Aufhebung von Roe vs. Wade, oder die Einschränkung von elterlichen Rechten bei gleichgeschlechtlichen Paaren in Italien unter Giorgia Meloni angeführt werden (siehe Berlin-Institut unpag.; Şevîn Doğan unpag.).
↵3 Im Folgenden zitiere ich aus diesem Roman (Dröscher 2022) unter Angabe der Seitenzahl direkt im Text. Bei Verweisen auf die beiden weiteren im Artikel behandelten literarischen Werke von l’Horizon und Schenk erfolgt die Quellenangabe hingegen mit Nennung des Autor: innennamens in der Klammer.
↵4 Die partikularisierende Synekdoche (pars pro toto) ist ebenso wie die generalisierende eine Unterkategorie der Metonymie. Diese stellt eine Form des Mitverstehens bzw. des uneigentlichen Ausdrucks dar, bei der „konventionelle Ausdruck-Inhalt-Zuordnungen durch das Zusammenspiel des Ausdrucks mit seiner Textumgebung (Kontext) aufgehoben und durch die Aufforderung oder den Zwang zu einer unkonventionellen und dadurch neuen, aber im Unterschied zur Metapher relational nach dem Kriterium der Subsumtion bestimmten Bedeutungskonstituierung ersetzt werden“ (G. Schweikle, I. Schweikle, Burdorf, Fasbender und Moennighoff [Hg.] 747).
↵5 Mehrere der genannten Werke können als sowohl Familien- als auch Generationenromane bezeichnet werden (Lovrić und Jeleč [7]). Aufgrund des Akzents auf Familie sowie weil sich Dröschers Roman vornehmlich mit zwei Generationen auseinandersetzt und nicht mit Entwicklungen der Familie über mehrere Generationen hinweg, halte ich in meinem Beitrag am Begriff des Familienromans fest.
↵6 Aus Platzgründen kann nicht tiefgehend auf die zwei Romane eingegangen werden, weswegen hier nur für die Kontextualisierung von Dröschers Roman relevante Aspekte aufgegriffen werden. Für eine ausführliche Analyse von Blutbuch und Maman, siehe Hammarfelt („Grenzen des Familiären“).
↵7 So kommen z. B. bei l’Horizon Überlegungen zum „Büro für Anständigkeit“ (l’Horizon 220f.) zum Ausdruck, und bei Schenk wird u. a. ein Gespräch über die Nürnberger Gesetze wiedergegeben (vgl. Schenk 83).
↵8 Mit Familie setzt sich auch Dröschers ein paar Jahre vor Lügen über meine Mutter erschienener Text Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft (2023 [2018]) auseinander, der sich im Grenzland zwischen den Formaten des Autobiographischen, der Reportage und des Romans bewegt.
↵9 Jedem der vier Kapitel sind Hinweise auf den „Vogel des Jahres“ sowie auf das von den Vereinigten Nationen ausgerufene Thema des jeweiligen Jahres, wie beispielsweise „Internationales Jahr des Friedens“ ([335]) vorangestellt, die ähnlich wie die intertextuellen Bezüge dazu beitragen zentrale Leitmotive, Spannungen und Themen in den Vordergrund zu stellen.
↵10 Im Gegensatz zur pronatalistischen Familienideologie in der DDR kann die Familienpolitik in der Bundesrepublik der 1980er Jahre als pro-traditionell bezeichnet werden. Durch ökonomische Anreize wie das Ehegattensplitting wurde das „male breadwinner-female-caregiver household“ gefördert, was zusammen mit einem weitgehenden Mangel an öffentlicher Kinderbetreuung und einem „normative climate“, das die Berufstätigkeit von Müttern als schädlich für kleine Kinder betrachtete, die Teilnahme von Müttern am Arbeitsmarkt erschwerte (Struffolino, Studer und Fasang 70).
↵11 Vgl. hierzu bei l’Horizon: „Vielleicht hat es mich deswegen immer so genervt, wenn sie ungebildete Dinge sagte. Weil darunter meine grosse Schuld lag; Sie ist ungebildet, weil es mich gibt“, 191; Herv. i. O., siehe hierzu auch Dröscher, 140).
↵12 Am Rande werden auch andere Bausteine des wirtschaftlichen Erfolgs thematisiert, wie etwa die Gastarbeiter:innen aus dem Süden und den Rohstoffabbau armer Länder (vgl. 278f.).
↵13 In der kritischen Betrachtung der Dichotomisierung der Geschlechter und des staatlich geförderten Hineinzwingens von Individuen in eng geschnittene Normen wird eine weitere Parallele zu l’Horizons Blutbuch erkennbar, dessen Erzählfigur sich daran erinnert, als Kind von ihrem Vater ein Schweizer Messer zum Geburtstag bekommen zu haben. Insbesondere die Begründung des Geschenks—„ ‚[ . . . ] Jeder Junge braucht ein Messer, und jeder Schweizer Junge braucht ein Sackmesser. [ . . . ]‘ “ (l’Horizon 49) bringt dort die auch in Dröschers Roman immer wieder thematisierte Verschränkung von Gender- und Nationenidealen ans Licht.
↵14 Zu den Mitteln der Parallelisierung von Frau und Haus gehören neben dem assoziativen Verbinden von Renovierungen und Schönheitsindustrie etwa Verweise auf die Barbie-Villa der Tochter (118), sowie intertextuelle Bezüge, insbesondere auf die folgenden Zeilen von Marguerite Duras: „Ja, nur eine Frau kann sich im Haus so wohl fühlen, kann vollständig mit ihm verwachsen sein.“ (337; Herv. i. O.).
↵15 Vgl. hierzu „A common message that authorities created in TV programs was that the nation successfully provided political, economic, and social stability. Officials could convey this idea by broadcasting national celebrations and exalting state leaders“ (Anderson und Chakars 8).
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